Contentwarnung: Beschreibung von Gewalt
Maryam[1] tippt auf ihrem Handy, das grelle Licht strahlt ihr ins Gesicht. Sie sucht den Namen eines Films, den sie letzte Woche gesehen und vielen Bekannten empfohlen hat. Es geht um eine Frau, die im Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Tehran inhaftiert wurde und von den unmenschlichen Lebensbedingungen und der Folter berichtet. „Genau, «Roya» hieß der Film.“ Bei der Vorführung, die sie besuchte, gab es im Anschluss eine Podiumsdiskussion mit der Regisseurin Mahnaz Mohammadi. Sie war 2014 selbst in Evin inhaftiert und ordnete die grausame Geschichte ein: In der Realität sei die Folter noch viel schlimmer. Nach dem Film hat Maryam sehr schlecht geschlafen. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, sich nicht mehr mit Gewaltbildern aus dem Iran zu konfrontieren. Gleichzeitig fühlt sie sich schuldig, wenn sie die Augen davor verschließt – vor allem ihrer eigenen Familie gegenüber.
Maryams Vater ist Iraner, der Großteil ihrer Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen lebt im Iran. Maryam selbst ist in Deutschland geboren und wohnt in Berlin. Sie war zweimal im Iran, einmal als Baby und einmal 2015, als sie 20 Jahre alt war. Farsi hat sie in ihrer Kindheit nicht gelernt und auch sonst war ihr die iranische Kultur lange eher fremd. Dennoch fühlt sie eine Verbindung zu ihrer iranischen Identität. In den letzten Monaten hatte sie oft große Angst um ihre Familie.
Krieg und Konflikte im Land
Als Ende Dezember 2025 eine Protestwelle auf dem Basar in Tehran ausbricht, hat Maryam ihr Handy fast immer in der Hand. Jeden Tag aktualisiert sie so oft es geht ihre Instagram-Startseite. Schnell weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus und werden von der Islamischen Republik gewaltvoll niedergeschlagen. Streitkräfte des Regimes schießen mit Schrotflinten auf Demonstrierende, Videos von provisorischen Leichenhallen tauchen im Netz auf. Sie zeigen hunderte Tote in Plastiksäcke gewickelt, dazwischen Menschen, die verzweifelt nach ihren vermissten Angehörigen suchen.
All diese Videos hat Maryam sich angeguckt. Sie hatte das Gefühl, es den Menschen vor Ort schuldig zu sein, erzählt sie. „Es war absurd. Du scrollst auf Instagram und siehst erst ein Bild von einer Joghurt-Bowl und als nächstes eins von toten Kindern auf der Straße.“ In der Zeit habe sie vielen Influencer*innen Privatnachrichten geschrieben und sie gebeten, über die Menschen im Iran zu reden. Eine Antwort habe sie nie bekommen.
Wie viele Menschen die Regierung während der diesjährigen Proteste wirklich tötete, ist bisher schwer zu bestimmen. Die höchsten Schätzungen liegen bei bis zu 30.000. Da sofort nach Beginn der Proteste das Internet im Land abgestellt wurde, sickerten Informationen und Bilder nur langsam, dank Starlink und VPNs, nach außen. Auch Anrufe und Textnachrichten gingen nicht durch die Sperre. Maryam wusste lange nicht, wie es ihrer Familie vor Ort ging.
Fast nahtlos schloss sich am 28. Februar der US-israelische Angriff auf den Iran an. Es folgten wochenlange Angriffe von allen drei Kriegsparteien, während die Menschen im Iran eines der weltweit längsten verzeichneten Internetblackouts erlebten. Auf Maryams Handy kamen zu den Bildern von blutverschmierten Straßen und leblosen Körpern von Demonstrierenden jetzt auch Videos von zerstörten Wohngebieten, eingestürzten Brücken und Krankenhäusern und Explosionen in Gaswerken hinzu. Überall Feuer und schwarzer Rauch.
Der Alltag schleicht sich ein
Heute nutzt Maryam Social Media kaum noch. Auch auf Demos geht sie nur selten. „So traurig es klingt, gerade habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas im Iran verändert.“ Aktuell überwiegt bei ihr ein Gefühl der Müdigkeit. Auch der Alltag hat sich eingeschlichen. Die Arbeit, der Haushalt und andere Verpflichtungen. All das gibt ihr Stabilität. Und gleichzeitig empfindet sie Schuldgefühle gegenüber ihrer Familie im Iran, die dieses Privileg nicht hat.
Ihren Freund*innen geht es ähnlich, erzählt Maryam. Gemeinsam können sie über all diese Emotionen sprechen. Mit einer Freundin besucht Maryam einen Farsi-Kurs an einer Volkshochschule. Die neu gelernten Sätze schickt sie oft als Sprachnachricht an ihre Cousine im Iran. Auch wenn Maryam erst einfache Sätze auf Farsi sprechen und verstehen kann, können ihre Cousine und sie sich so austauschen und voneinander erfahren, ohne ständig nur über Bombenangriffe und Gewalt zu reden.
Aktuell sieht es nach erneuten Eskalationen Anfang und Mitte Juni danach aus, als könnte eine Einigung zwischen den USA und dem Iran zustande kommen. Die Angst vor weiteren Angriffen, auch vonseiten Israels im Libanon, bleibt jedoch.[2] Maryam versucht, durch ihren Alltag, Abstand von der Situation zu gewinnen. „Anfang des Jahres habe ich einen Schmerz mit mir rumgetragen, der meinen ganzen Körper eingenommen hat, fast wie Liebeskummer.“, erzählt Maryam. Jetzt seien die Wunden des Schmerzes zwar nicht verheilt, aber sie würden anfangen zu verkrusten.
Unsichtbarer Schmerz
Diesen Schmerz kennt auch Geschin. „Ich habe in den letzten Monaten viel geweint, war hoffnungslos und habe mich gleichzeitig immer gefragt, ob ich überhaupt berechtigt bin, diese Trauer zu spüren, weil ich ja in Deutschland geboren wurde.“ Gleichzeitig merkte sie, dass in der Berichterstattung über den Iran eine Sache kaum thematisiert wurde: die Perspektiven von Kurd*innen. Diese haben für Geschin auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu tun.
Geschin ist 23, in Frankfurt geboren und hat kurdische Familie in der Provinz Kermanshah im Nordwesten Irans. „Ich habe als Kind nicht verstanden, was Kurdisch-Sein im Iran bedeutet. Bis ich mit anderen Menschen mit Iran-Bezug sprach und gemerkt habe: ihre Familien leben ja gar nicht in Armut.“ Die kurdischen Regionen im Iran gehören zu den ärmsten und wirtschaftlich schwächsten. Das liegt daran, dass Kurd*innen politisch, wirtschaftlich und kulturell diskriminiert werden. Das iranische Regime vernachlässigt den kurdischen Teil des Landes. Kurdische Aktivist*innen werden verfolgt, übermäßig oft zu Gefängnisstrafen verurteilt, gefoltert und hingerichtet. Die kurdische Sprache ist de facto verboten, das Islamische Regime erlaubt keine kurdischen Namen in offiziellen Passdokumenten.
Auch auf den Iran-Demos in Frankfurt bemerkt Geschin, dass kurdische Perspektiven unsichtbar bleiben. „Die Solidarität mit Kurd*innen im Iran ist sehr selektiv. Wenn es darum geht, dass Kurd*innen hingerichtet werden, sagt niemand etwas.“ Darum beginnt Geschin, selbst auf den Demonstrationen zu sprechen. Um eine kurdische Perspektive beizusteuern und ihrem Ohnmachtsgefühl entgegenzuwirken. Zu Beginn des Jahres stürzte sie sich in die politische Arbeit. Die Situation im Iran bestimmte ihren Alltag. Alles andere rückte in den Hintergrund. Auch ihre Bachelorarbeit stellte sie hinten an. Nach einer Weile merkte sie jedoch, dass ihr alles zu viel wurde. „Ich war von den kleinen Dingen extrem überfordert. Einmal ist mein Hund krank geworden und ich dachte sofort, dass meine ganze Welt zusammenbricht.“ Sie sei im Überlebensmodus gewesen.

Es braucht eine Balance
Mit der Zeit hat sie gelernt, dass sie ihre Energie besser aufteilen muss. „Es bringt niemandem etwas, wenn ich mich selbst kaputt mache.“ Heute arbeitet Geschin neben ihrem Studium als politische Aktivistin, organisiert Veranstaltungen und Workshops zu den Themen Iran, Menschenrechte und ethnische Minderheiten und spricht regelmäßig bei Demos. „Davor bin ich immer sehr nervös, ich stehe eigentlich nicht so gern im Mittelpunkt.“ Beim Reden kann sie alle Emotionen rauslassen und ihre Gefühle entladen. Danach geht es ihr meist besser. Vor allem, weil sie merkt, dass sie Menschen berührt. „Ich bekomme sehr positive Rückmeldungen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass Menschen mir zuhören, sich meine Worte zu Herzen nehmen und mitfühlen.“
Um die Balance zwischen dem Aktivismus und ihrem Privatleben zu halten, blockiert sie einige Tage in der Woche für ihren Alltag. „Da mache ich Dinge, die mit meiner eigenen Zukunft zu tun haben, wie in die Bibliothek zu gehen, um meine Bachelorarbeit zu schreiben oder einen Job zu suchen.“
Außerdem spricht sie in ihrer Gruppentherapie viel über die Situation im Iran. Auch, wenn keine andere Person in der Gruppe einen persönlichen Bezug zum Iran hat, tue es gut, ihre komplizierten Gefühle dort thematisieren zu können. Obwohl sie manchmal überfordert ist, kann Geschin sich nicht vorstellen, ganz mit der politischen Arbeit aufzuhören. „Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich meine Gefühle auch ohne den Aktivismus verarbeiten könnte. Die Antwort ist Nein.“
Trauer in der Diaspora
Die Gefühle, die Geschin und Maryam beschreiben, kennen viele Menschen in der iranischen Diaspora. Immer, wenn es im Land zu Protesten oder Angriffen kommt, erleben auch sie Stress, Trauer und Angst, Müdigkeit und Schlafprobleme. Bisher sind diese Symptome wissenschaftlich kaum erforscht. Umgangssprachlich wird von „Diaspora Grief“ gesprochen, was sich am ehesten als kollektives Trauma von Menschen in der Diaspora übersetzen lässt. Auf Social Media teilen viele Menschen mit Iranbezug ihre Sorgen, Wut und Hoffnungslosigkeit. So auch Geschin: „Ich habe viele wütende Rants in meine Instagram-Story gepostet. Ich musste diese Gefühle einfach rauslassen.“
Der einzige Weg, den Stress und die Angst wirklich loszuwerden, wäre wahrscheinlich nur ein Ende des Kriegs und der brutalen Gewalt des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Dennoch: Maryam und Geschin haben ihre eigenen Wege gefunden, mit der schwierigen Situation umzugehen. Geschin, indem sie versucht, die Balance zwischen ihrem Alltag und ihrem politischen Aktivismus zu halten. Sie findet Trost in dem Gedanken, dass sie etwas verändern kann – selbst wenn es nur im eigenen Umfeld ist. Maryam tauscht sich mit ihren Freund*innen aus und findet Halt im Erkunden ihrer iranischen Identität. Obwohl sie nicht an einen schnellen Wandel glaubt, weiß sie, dass die Menschen im Iran früher oder später weiter für ihre Freiheit kämpfen werden. Die Podiumsdiskussion mit Mahnaz Mohammadi hat Maryam darin bestärkt.
Es ist, wie die Regisseurin des Films «Roya» in einem Interview mit Arte sagt: Es sind der Druck und die ewige Kontrolle des iranischen Regimes, die den Willen zum Widerstand in den Menschen wecken. Solange das Regime also existiert, werden die Menschen auch dagegen kämpfen.
Titelbild: Der Slogan „Jin, Jîyan, Azadî“ (Auf Deutsch: „Frau, Leben, Freiheit“) kommt aus der kurdischen Freiheitsbewegung.
[1] Name geändert
[2] Stand: 15. Juni. Die Interviews mit den Protagonistinnen wurden vor den erneuten Angriffen Anfang Juni geführt.
Der Artikel erscheint im Rahmen unseres Open Calls für FLINTA*, gefördert durch Filia. Die Frauenstiftung bei redaktioneller Unabhängigkeit. Einen weiteren Artikel aus der Reihe lest ihr hier. Mehr zu Iran lest ihr zum Beispiel hier.


