Anton Wilhelm Amo, Anfang 1700 im heutigen Ghana geboren, wird heute meist als „der erste bekannte Philosoph afrikanischer Herkunft in Deutschland“ bezeichnet. Er lehrte Mitte des 18. Jahrhunderts in Wittenberg, Halle und Jena an Universitäten, nachdem er zuvor als Sekretär und Bibliothekar, wahrscheinlich in Wolfenbüttel oder Helmstedt, gearbeitet hatte. Einige Abschnitte in seiner Biografie gelten als historisch gesicherter als andere – was jedoch unumstritten ist, ist die beinahe schon symbolische Rolle Amos in europäisch-afrikanischer Geschichte.
Andrea-Vicky Amankwaa-Birago, Anthropologin und Kulturwissenschaftlerin, sagt, dass Amos Geschichte sie schon seit ihrer Kindheit begleitet. Nun schreibt sie ihre Dissertation über seine Biografie und hat den Verein Anton Wilhelm Amo Erbschaft mitgegründet. Mit letzterem planen sie, Amos Geschichte über ein Audioarchiv zugänglich zu machen, damit auch Interessierte in Ghana Zugang zu Amos Archiv zu bekommen.
Ein Gespräch mit Vicky über Archivarbeit, koloniale Kontinuitäten und gegen die Singularität der Geschichte.
Wer war Anton Wilhelm Amo – und wieso findest du es wichtig, zu ihm zu arbeiten?
Die Frage danach, wer er war, ist eigentlich bereits ein kritischer Punkt – und einer der Gründe, weshalb ich im Audioarchiv und in meiner Dissertation zu ihm arbeite. Im Grunde ist Amo deshalb eine wichtige Person gewesen, weil immer gesagt wird, er sei der erste Schwarze an einer Universität gewesen. Ich sage mittlerweile, er ist einer der vermeintlich ersten Schwarzen an der Universität gewesen – wir wissen nicht, was oder wer vorher war. In Deutschland wird seine Geschichte und seine Biografie übrigens anders erzählt als in Ghana.
Wie kommt das?
In Deutschland gibt es das Narrativ, dass Anton Wilhelm Amo als kleiner Junge verschleppt worden ist. Das Jahr ist nicht ganz sicher, es war am Anfang des 18. Jahrhunderts. Nach dieser Erzählung ist er über die Niederlande in Braunschweig gelandet. Laut europäischer Archivnarrative war er unglaublich intelligent und ist stark aus der Masse der anderen Schwarzen Personen herausgestochen. Daraufhin wurde seine Bildung gefördert, Amo konnte Bibliothekar werden, dann Sekretär und in Halle schließlich Philosoph.
Und diese Erzählung deckt sich nicht mit der Geschichte, die in Ghana überliefert wird?
In Ghana, an den Orten wo er geboren und verstorben ist, gibt es das primäre Narrativ, dass Amo adlig war, ein Royal und dass er von dort gekidnapped wurde. Allein die Überlieferung, er sei adlig gewesen, ändert schon etwas an der Gewichtung und der Einordnung der Verschleppung oder des Kidnappings. Mir ist es wichtig, die deutsche und ghanaische Version erstmal stehen zu lassen. Ich nehme erstmal keine direkte Perspektive oder Position ein, sondern frage mich, wer vielleicht auch von welcher Geschichtsschreibung profitiert. Die deutsche Geschichtsschreibung profitiert natürlich davon zu sagen, sie hätten einen verschleppten intelligenten Jungen gefördert. Eindeutigere historische Aspekte, die eine konkretere Zuordnung oder Präzisierung ermöglichen würde, fehlen bei Amo komplett.

Was wäre das?
Zu ähnlichen Zeiten gab es in anderen Kontexten manchmal Deals: Menschen waren in Deals entweder „Geisel“ oder „Geschenk“. Bei Amo wurde manchmal überliefert, er sei ein „Geschenk“ gewesen. Aber alle anderen Informationen drum herum fehlen. Es gibt keine Informationen oder Aufzeichnungen über Deals, bei denen Sklaven oder Waffen gehandelt wurden und ein Jugendlicher vielleicht auch Teil eines Deals war. Man kann diesen Kontext bei Amo auch nicht rekonstruieren. Am Ende geht es bei den unterschiedlichen Perspektiven auf seine Biografie nicht um eine Schuldfrage, sondern um geteilte Verantwortung. Dieser gesamte Kontext ist auch der Grund, weshalb ich meine Dissertation zu Amo auf Englisch schreibe – ich möchte, dass Leute in Ghana auch endlich mal einen Zugang zu den Archiven haben.
Was hast du noch in den Archiven zu Amos Person gefunden?
Im Universitätsarchiv fand ich ein fiktionales Gedicht, das ursprünglich keinerlei Bezug zu Amo hatte, dessen Handlung jedoch nahezu identisch mit der später Amo zugeschriebenen Geschichte ist: Ein Schwarzer Mann begehrt eine weiße Frau namens Astrine und wird von ihr zurückgewiesen. Die nachträgliche Übertragung dieser fiktionalen Erzählung auf Amo ist deshalb besonders aufschlussreich. Sie verweist auf ein koloniales Deutungsmuster, in dem Schwarze Männer über sexualisierte Projektionen beschrieben werden.
In diesem Narrativ wird Amo nicht mehr als Philosoph oder Intellektueller wahrgenommen, sondern auf einen vermeintlich triebhaften Körper reduziert. Die Figur des „begehrenden Schwarzen Mannes“ reproduziert ein rassistisches Stereotyp, das den Körper Schwarzer Männer hypersexualisiert und gleichzeitig ihre Person entwertet. Durch die Zuschreibung dieser Geschichte wird Amo symbolisch degradiert: Seine tatsächlichen wissenschaftlichen Leistungen treten in den Hintergrund, während ein kolonial geprägtes Bild von Begehren, Zurückweisung und sozialer Grenzziehung in den Vordergrund rückt.
Gerade weil diese Geschichte immer wieder in biografischen Darstellungen auftaucht, zeigt sich hier, wie fiktionale Narrative in Archive und Geschichtsschreibung einsickern können – und wie sie dazu beitragen, Schwarze historische Figuren durch stereotype Erzählmuster zu objektivieren.
Info: Die hier vorgeschlagene Lesart versteht das Gedicht nicht als unmittelbaren biografischen Beleg, sondern als Teil einer literarischen Rezeptionsgeschichte. Entscheidend ist weniger die Frage, ob sich aus dem Text eine tatsächliche Liebesgeschichte rekonstruieren lässt, sondern wie spätere Deutungen aus poetischen Formen, Anspielungen und intertextuellen Bezügen biografische Annahmen über Amo ableiten. Aus dieser Perspektive wird sichtbar, wie literarische Überlieferung und biografische Spekulation ineinandergreifen können — und wie dadurch auch rassifizierende und sexualisierende Vorstellungen über Schwarze männliche Intellektuelle stabilisiert werden können.
Wieso sind solche Bezüge vorher nicht aufgefallen?
Vielleicht liegt es an meiner Erfahrung in der Antidiskriminierungsarbeit – oder an meiner Positionierung, dass ich in der Archivarbeit auf solche Aspekte achte. Meine akademisierten Eltern dachten, sie seien die ersten in Deutschland in ihrer Position, in ihrem Hamburger Viertel, weil es eben so wenig Informationen und so wenig Aufklärung gibt. Deshalb arbeite ich, woran ich arbeite – um vielleicht auch ein wenig was zurückzugeben. Und das in beide Räume – Deutschland, Ghana – aber auch in den dritten Raum: Die Diaspora. Ich bin in einer sehr besonderen Position. Ich bin in Hamburg geboren und meine beiden Eltern kommen aus Ghana. Bei Schwarz positionierten Leuten ist es häufig auch der Bezug zum Kontinent, weshalb sie zu Amo arbeiten. Mein Blick auf Amo ist die Schnittstelle vieler Themen: Ghanaisch geprägt sein, Deutsch sein, weiß gelesen zu werden in meinen Handlungen, Schwarzsein, Schwarze Geschichte. Und die Fragen danach, wer Zugängen zu Archiven hat und darüber die dominanten Narrative bestimmt. Wir haben die Verantwortung, darauf zu achten, wer vielleicht durch das Archiv fällt.

Warum ist es heute noch wichtig, solche historischen Details geradezurücken oder neu zu besprechen?
Man kann Schwarze Geschichte – oder in diesem Fall gehe ich einen Schritt weiter – „die Geschichte von migrantisierten Menschen“, dann besser verstehen, wenn sie und die Biografien korrekt erfasst werden. Amo hat sich selbst nach dem Dorf benannt, aus dem er kam. Das ist mir sonst nirgends begegnet, die meisten Leute haben sich selbst vielleicht höchstens nach ihrem Kontinent oder Land benannt. Er war Bibliothekar und Sekretär, er wusste, wie Archive und Zuordnungen funktionieren. Das sieht man auch in seinen anderen Arbeiten. Eine von ihm, die heute verschollen ist – Die Rechte der M***en in Europa – ist mit Blick auf die Existenz von Menschenrechten eine enorm wichtige Arbeit. Insbesondere, wenn Amo wirklich adlig war.
Weshalb?
Weil kein Adliger sich als M*** bezeichnen würde. Es ist eine enorme Leistung, für die Rechte derjenigen zu argumentieren, die einem eigentlich unterlegen waren. Amo hat sich selbst übrigens nie als einen bezeichnet, er hat damals schon den M-Begriff abgelehnt.
Also ist es auch sehr symbolisch, dass nun exakt diese M***enstraße in Berlin Anton-Wilhelm-Amo-Straße heißt?
Es hat auf jeden Fall eine besondere Dimension, eine besondere Würdigung. Die Umbenennung des diskriminierenden Straßennamens in Berlin war nach meiner Beobachtung ein Katalysator für Umbenennungen in Halle, Stuttgart und auch in Wolfenbüttel und Jena. Ein Straßenname hält wichtige gesellschaftliche Dinge fest, ist ein wenig wie ein alltäglicher Speicher.
Weshalb gab es dann überhaupt Widerstand gegen die Umbenennung der M***renstraße in die Anton-Wilhelm-Amo-Straße?
Am Ende ging es, glaube ich, nicht mehr um die Umbenennung als solche, sondern viel mehr um Deutungshoheit. Da spielt eine kolonial geprägte, einseitige Mentalität rein. Wer darf beschreiben, wer deuten? An dieser Stelle ist Amo zu einer Projektion geworden, an der die Frage gestellt wird: Ist die Person überhaupt würdig, dass nach ihr eine Straße benannt wird? In Berlin haben viele dekoloniale Gruppen lange dafür gekämpft, dass die M***enstraße umbenannt wird, sie war also in einen langen Widerstands- und Kampfprozess eingebunden. In solchen Prozessen gibt es Widerstände – wie überall in der deutschen Geschichte.
Was würde es mit solchen Prozessen machen, wenn nicht nur Nicht-weiße und Nicht-Männer Geschichte schreiben und einordnen?
Schwarzen Frauen die Bildung zu verwehren, ist eine koloniale Kontinuität: Es ist eine Bedrohung, wenn Frauen lesen, schreiben und Dinge bewegen können. Aber was ich auch mit meiner Dissertation zu zeigen versuche, ist, dass Geschichte nicht singulär ist, sondern multiperspektivisch. Dass es immer wichtig ist zu fragen und zu verstehen, wer erzählt und wer sind diejenigen, die zuhören? Hörbarkeiten zu schaffen ist eine Intervention. Es geht auch um die Verantwortung, auf beiden Seiten Geschichte zu erzählen. Ich finde es wichtig, diese Parallel- und Multiperspektivität aufzuzeigen.

Und euer Audioarchiv der Anton Wilhelm Amo Erbschaft versucht diesen Weg zu gehen?
Ich habe für die Arbeit an Amo mediale Aufmerksamkeit bekommen und Gelder für den Verein – jetzt verteilen wir sie. Denn nicht jede:r bekommt Gelder vom Berliner Senat und Wikipedia Deutschland. Und über das Projekt haben wir die Möglichkeit, Raum zu schaffen für diejenigen, die weniger sichtbar sind. Wir arbeiten audiovisuell, damit alle Leute darauf zugreifen können. Man kann ja nicht so einfach zwischen betreffenden Orten wie Jena nach Halle spazieren. Deshalb möchten wir die Leute an Orte mitnehmen, damit sie sie erleben können. So können Schwarze Perspektiven auf bestimmte Orte oder in bestimmten Erinnerungskontexten gehört werden.
Das Projekt als solches funktioniert mehrgleisig: Es gibt einen historischen Walk, der Amo sichtbar macht. Außerdem gibt es die erinnerungskulturelle Geschichte zum Aktivismus im Kontext Amo: Wer hat zu ihm aktivistisch gearbeitet? Dort werden die Orte gezeigt und aus unterschiedlichen Perspektiven und Positionierungen abgebildet und besprochen und die Sprecher:innen beschreiben, was die Orte mit ihrem Aktivismus zu tun haben. Das, was wir damit erreichen möchten, geht über Amo und seine Geschichte hinaus. Es ist eine Dezentrierung, sich nicht nur auf vereinzelte Historiker- Erzählungen zu fokussieren. Wir möchten den Raum schaffen und uns im Anschluss zurückziehen, um ihn mit anderen zu teilen. Das geht in Richtung Public Anthropology.
Was macht Public Anthropology aus?
Es geht um mehr als nur die Richtigstellung von Ungerechtigkeit. Es geht um eine Ergänzung und darum, Diskurse in den Geschichts- und Kulturwissenschaften zu erweitern und zu unterstützen. Aber gerade auch die Black Studies, weil diese auch unter anderem mit Amo beginnen. Es geht um einen neuen Ansatz, wie man sich Geschichte anschauen kann. Es geht darum, ein System zu entwickeln, wie man mit Schwarzen Geschichten und Black Intellectuals umgeht. Ich denke Geschichte intersektionaler und möchte ein Umdenken erwirken, das unterschiedliche Perspektiven gleichstellt. Damit sich Machtverhältnisse verschieben.
Im Sinne von Public Anthropology sucht das Anton Wilhelm Amo Erbschaft-Archiv Fotos und Bilder, unter anderem der Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Wer Teil des gelebten Archivs sein möchte, kann sich jederzeit bei Vicky melden.


Mehr zu dekolonialer Arbeit gibt es zum Beispiel hier.


