Ohne Landwirtschaft geht nichts, sie ist die Basis unserer Ernährung. Deshalb sollte es auch eine Selbstverständlichkeit sein, dass Landwirt:innen weltweit von ihrer Arbeit leben können – ist es aber nicht. Nicht alle Handelspartner entlang der Wertschöpfungskette zahlen faire Preise. Für viele Kleinbäuer:innen ist es deshalb heute schon die Realität, dass sie ihre Existenz mit ihrer Arbeit kaum sichern können. Klimawandelbedingte Veränderungen in landwirtschaftlichen Prozessen werden diese Unsicherheit noch weiter verstärken – und natürlich auch zu teureren Preisen bei den Abnehmer:innen führen. Um dem entgegenzuwirken, hat Fairtrade Deutschland, gemeinsam mit vielen weiteren Organisationen wie Oxfam oder dem Weltladen-Dachverband, dem INKOTA-Netzwerk und dem Forum Fairer Handel, einen Appell gestartet: Landwirtschaft braucht Fairness. Fünf Fragen an Tim Stoffel, Politischer Referent, von Fairtrade zum Appell.
Was sind die drei wichtigsten Kernpunkte des Appells „Landwirtschaft braucht Fairness“ – und wieso ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sie zu adressieren?
Unser zentrales Anliegen ist, dass unfaire Preise als unfaire Handelspraktik anerkannt werden. Die EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken (Unfair Trading Practices, UTP), schützt Produzent:innen landwirtschaftlicher Produkte (aus der EU, aber auch solche die Importiert werden) jetzt schon gegen Vertragsbrüche und weitere unfaire Behandlung durch die Abnehmer ihrer Produkte, die meist in einer stärkeren Position sind. Dieser Schutz muss dahingehend erweitert werden, dass Produzent:innen von ihrer Arbeit leben können, also ein existenzsicherndes Einkommen erzielen. Dafür müssen die Preise, die sie für ihre Produkte bekommen, die Kosten einer nachhaltigen Produktion decken. Dies ist oft nicht der Fall und muss gesetzlich geregelt werden. Gerade beginnt die Reform der UTP-Richtlinie in der EU. Ende des Jahres soll die Europäische Kommission einen Vorschlag vorlegen. Daher gilt es jetzt, die Öffentlichkeit darüber zu informieren und den Landwirtschaftsminister und die Bundesregierung dazu zu bringen, sich dafür einzusetzen.
Die Petition richtet sich klar an Alois Rainer und fordert nicht nur faire Preise in Deutschland sondern in der gesamten Lieferkette. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz wurde damals maßgeblich von den Ministern Heil, Müller und Altmaier verhandelt – keiner von ihnen war Landwirtschaftsminister. Weshalb nun dieser Schwerpunkt? Kann Rainer nicht in dem Kontext die Verantwortung von sich weisen?
Die UTP-Richtlinie ist eine Agrarpolitische Gesetzgebung (in Deutschland wird sie über das Agrar-Organisations-und-Lieferkettengesetz umgesetzt). Für die Mitgliedsstaaten verhandelt zunächst der Ministerrat der Landwirtschaftsminister der EU-Mitgliedsstaaten über die Reform.
Ist bei der derzeitigen Deregulierungswelle (auch maßgeblich auf EU-Ebene) Rainer der richtige Adressat? Sollten Petition und Appell nicht auch den größeren Kontext adressieren? Derzeit profitiert die Agrarlobby massiv durch Lobbyhandlungen auf EU- und deutscher Ebene.
Im aktuellen Trend der Entbürokratisierung mit einem regulatorischen Thema durchzudringen ist tatsächlich nicht einfach. Hier stehen die Chancen aber gut. Auch in konservativen Kreisen erfreut sich die aktuelle Richtlinie großer Beliebtheit. Eine kleinere Anpassung der UTP zu Beginn des Jahres hat keine einzige Gegenstimme im Europaparlament erhalten. Es besteht ein lagerübergreifender Konsens, dass Landwirt:innen in den Agrarlieferketten einen besonderen Schutz brauchen. Uneinigkeit besteht aber auf jeden Fall beim Thema Preisgestaltung. Hier hat das Landwirtschaftsministerium bereits im Januar 2026 angekündigt, dass man im Rahmen der UTP-Reform über alles reden könnte, nur nicht über Preise. Der Deutsche Bauernverband sieht das ähnlich, er sorgt sich um die Freiheit bei der Preisgestaltung und bei Preisabsprachen. Der Verband vertritt aber eher die Interessen großer landwirtschaftlicher Betriebe. Andere Verbände, wie die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die auch Mitinitiatorin des Appels ist, sehen das hingegen anders und wünschen sich Mindestpreise oder zumindest die Möglichkeit, gegen unfaire Preise vorgehen zu können. Einige Mitgliedsstaaten wie Frankreich, Spanien und Belgien haben bereits nationale Gesetze erlassen, mit denen sie gegen solche Praktiken vorgehen.Oxfam Belgien hat erst kürzlich eine Studie dazu in Auftrag gegeben, die einen Überblick über den Status quo vermittelt.
Wäre absehbar, ob und in welcher Höhe ein erfolgreicher Ausgang der Petition und eine Umsetzung zu höheren Lebensmittelkosten führen würde? Was sagt ihr an dieser Stelle zu Kritiker:innen?
Hierzu kann man leider keine Schätzungen abgeben. Wir wissen aus den Erfahrungen im Fairtrade System, dass existenzsichernde Einkommen oft nur wenige Cent Unterschied am Produkt ausmachen. Für Verbraucher:innen ist das sehr viel weniger relevant und spürbar als für Händler. Was bei Kakao für die Schokolade gilt, trifft wahrscheinlich auch auf Brötchen oder Milch zu. Wir sehen vor allem, dass faire Preise notwendig sind, um die Resilienz der Agrarlieferketten zu erhalten. Ohne Investitionen in nachhaltige und klimaresiliente Anbaumethoden und die Menschen, die Landwirtschaft betreiben, werden die Kosten drastisch steigen. Sichtbar wurde dies bereits an dem Angebotsschock bei Kakao. Klimawandel und Pflanzenkrankheiten haben zum Einbruch des Angebots und stark steigenden Preisen geführt. Nur auf der Grundlage fairer Preise lässt sich langfristig die Versorgung sichern.
In den vergangenen Jahren wurden die Interessen der Landwirt:innen und eine nachhaltige und faire Zukunft politisch gern gegeneinander ausgespielt. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?
Diesen Widerspruch gibt es vor allem durch die Veränderungen der europäischen Landwirtschaft in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg. Ökonomische Entwicklungen, aber auch politische Entscheidungen wie falsche Anreize durch Subventionen und fehlende Unterstützung für kleinteiligere und auch ökologische Landwirtschaft, haben zu einem Höfesterben und damit zu immer weniger immer größeren Höfen geführt, die oft nur noch dadurch funktionieren, dass sie nicht nachhaltig wirtschaften, weder ökologisch noch sozial. Es gibt in Europa und im Globalen Süden viele selbständige Landwirt;innen, wir sprechen meist von Kleinbäuer:innen, deren Wirtschaftsweise und Geschäftsmodelle nachhaltig sind. Kleinbäuer:innen, die in Ghana Kakao anbauen, schließen sich zum Beispiel zu großen Kooperativen zusammen. Lassen diese sich Fairtrade zertifizieren, verpflichten sie sich zur Einhaltung von Standards, erhalten aber auch Mindestpreise und Prämien, die nötige Investitionen in Menschen und Betriebe ermöglichen.
Gerade bei der UTP sieht man, dass die Interessen der Landwirt:innen in Deutschland und Europa ähnlich sind wie die der Landwirte aus dem Globalen Süden. Alle wollen und müssen von ihrer Arbeit leben können, wenn wir auch morgen noch zuverlässig und bezahlbar Agrarprodukte zur Verfügung haben wollen.
Mehr zu fairen Lieferketten gibt es zum Beispiel auch hier.


