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Jugendkultur in Mecklenburg-Vorpommern: Kühlschränke, Kunst und Queerness

Luca, ein Junge mit blonden, mittellangen Haaren, trägt Jeans und ein weißes T-Shirt. Er steht in der Tür eines Kunstraums mit blau-weißen Wänden. In einem Regal stehen Becher mit Pinseln. An der Wand hängen bunt gestaltete Keramikfliesen.

Unweit des Marktplatzes von Neustrelitz steht ein Haus, das man leicht übersehen kann. Zwischen grauen Fassaden wirkt es unscheinbar. Nur der Schriftzug Kunsthaus über einem Torbogen verrät, was sich dahinter verbirgt. Drinnen treffen sich Jugendliche, machen Kunst, diskutieren über Politik oder sitzen einfach zusammen. Für Olivia*, Luca* und Fiete* ist das Kunsthaus einer der wenigen Orte in Neustrelitz, an denen sie Platz für sich haben. Sie sind 17 und 18 Jahren alt und wohnen in und um Neustrelitz in der Mecklenburgischen Seenplatte. Es ist ein Landkreis, in dem sich Umfragen zufolge mehr als 30 Prozent der Wähler*innen bei der Landtagswahl am 20. September 2026 für die Alternative für Deutschland (AfD) entscheiden werden. Olivia, Luca und Fiete dürfen dieses Jahr zum ersten Mal bei einer Landtagswahl wählen. Die AfD soll es nicht werden, da sind sie sich einig. Sie machen sich ihre eigenen Gedanken für ein gutes Leben in Mecklenburg-Vorpommern. Und sie sind nicht allein. Drei junge Menschen zeigen ihre Safe Spaces in einer Kleinstadt in MV.

Im Kunsthaus Neustrelitz

Im Kunsthaus ist es an diesem Nachmittag ruhig. Drei Sozialarbeiter*innen laufen durch das zweistöckige Gebäude, tragen Getränke nach oben. Luca fragt sie scherzend, ob er gleich wieder ein paar Kühlschränke schleppen muss. Heute Abend findet hier eine Veranstaltung statt. Das Kunsthaus ist ein beliebtes Kultur- und Jugendzentrum in Neustrelitz und Luca ist häufig hier und packt gerne mit an.

Meistens halten sich Olivia, Luca und Fiete im sogenannten Jugendcafé auf, oder sie chillen im Hof. Eine Bühne und eine Bar erinnern an vergangene Feste. Unter der Woche bietet das Kunsthaus Keramikkurse, Theatertreffen, freie Kunst- und Graffiti-Workshops an. Olivia, Luca und Fiete zeigen stolz ihre Kunstprojekte. Darunter befinden sich kleine, getöpferte Figuren aus einem Videospiel. In einem anderen Raum riecht es nach Farbe. Fiete hat hier mal einen Stuhl bemalt mit Rote Jugend. Der steht noch immer dort. „Denn ich bin ja ein Scheiß-Kommunist“, sagt er über sich selbst und lacht. Die Aufnäher an seiner Jacke passen zu seiner Aussage. Seine politische Haltung trägt Fiete sichtbar nach außen und lässt sie in jeden zweiten Satz mit einfließen.

: Das Kunsthaus ist wie ein „L“ angeordnet. Es hat eine grau verputzte Fassade mit Fachwerk am Giebel. An der Seite liegt ein Stapel Holzplatten. In der Mitte stehen Bierbänke an einem bunten Ausschank. Rechts spannt sich eine Girlande über den Hof.
Der Innenhof des Kunsthauses bietet Platz für Feste und Kreatives.

Das „echte Leben“

Olivia ist im Gespräch ruhiger, aber nicht weniger auffällig. Sie trägt unzählige selbstgemachte Ohrringe und Ketten. Im Kunstraum mit Farben und Materialien findet sie die Plakate, die sie hier im vergangenen Jahr für den CSD im Nachbarort gemalt hat. In diesem Jahr soll das Straßenfest in Neustrelitz stattfinden. Wenn Olivia sich etwas wünschen dürfte, wären es mehr solche Veranstaltungen in der Stadt, bei denen sie gleichgesinnte Menschen treffen kann. Ein CSD sei dafür eine gute Möglichkeit. Solche Events „im echten Leben“ müsste es viel häufiger geben. Damit meint sie bewusst den analogen Raum statt Social Media. Digitale Verbindungen helfen zwar, aber das echte Erleben sei etwas anderes.

Während der CSD nur einmal im Jahr stattfindet, bietet das Kunsthaus einen regelmäßigen Treffpunkt – und ist umsonst, wie die Jugendlichen hervorheben. Es ist einer von wenigen Orten in Neustrelitz, an denen junge Menschen sich ausprobieren können.

Luca, ein Junge mit blonden, mittellangen Haaren, zeigt auf ein weißes Banner, auf dem „#ich bin KUNSThaus“ steht. Es hängt an einem bunten, überdachten Tresen.
Luca an der Bar im Kunsthaus. Unter dem Motto „ich bin Kunsthaus“ hat in diesem Sommer ein Spendenfest am Kunsthaus stattgefunden.

Räume mitgestalten

So sieht es auch Anne, die im Kunsthaus arbeitet. Sie erzählt vom Treffen des Jugendcafés: „Jeder kann einfach kommen und sein wie er oder sie ist“. Es gibt etwas zu essen und zu trinken, die Jugendlichen kümmern sich mit darum, wie das Café gestaltet ist. Die Idee ist, dass sie bei den Vorbereitungen helfen und so lernen, dass Freiräume sich auch erarbeitet werden müssen. Während Fiete durch die Räume läuft, befindet er, das Kunsthaus sei „ein freier Raum. Der ist für alle da.“  

„Wir sind schon ein chaotischer, kreativer Ort und ganz klar links-grün versifft“, sagt Anne. In Neustrelitz wisse das jeder. Von den Jugendlichen sei aber natürlich trotzdem jeder willkommen. Anne hat die Erfahrung gemacht, dass rechte Positionen hauptsächlich als Provokation geäußert würden. Dann nehme sie diese Stimmen zur Kenntnis und gebe bei Bedarf Kontra. Im Kunsthaus will sie vor allem aufklären. Wenn sich das Jugendcafé das nächste Mal trifft, nimmt sie Infomaterial zu den Parteien mit. Dann kann sie mit den Jugendlichen, die vorbeikommen, darüber sprechen.

Die Haltung der Jugendlichen

Luca, Olivia und Fiete haben zu grundsätzlichen Themen schon eine klare Haltung. Wenn sich jemand als unpolitisch bezeichnet, scheint Olivia das weltfremd. In der Stadt grenzen sie sich klar von rechten Positionen ab, mit rechtsextremen Jugendlichen wollten die drei nichts zu tun haben. Zu einzelnen Themen trauen sich die Freunde aber noch keine Meinung zu. Luca meint zum Beispiel, Fiete habe schon eine genaue Vorstellung von der Welt und der Wirtschaft. Er selbst habe sich da „noch nicht krass informiert“. Sein Freund motiviere ihn aber manchmal, sich mit sozialpolitischen Themen auseinanderzusetzen. Für Luca sind unterschiedliche Meinungen im Freundeskreis „Tamam“ – kein Problem. Solange sich niemand rassistisch, homophob oder sexistisch äußere, könne man miteinander reden.

Im Innenhof des Kunsthauses lehnen bunte Plakate mit Aufschriften wie „Hass = hässlich“ oder „<3 für alle“ an einer Wand mit bröckelndem Putz. Girlanden spannen sich über den Hof. Rechts steht ein silbernes Auto unter Bäumen.
Im Innenhof des Kunsthauses stehen die Plakate für den CSD in Neustrelitz zum Trocknen in der Sonne.

Luca erzählt, dass er sich in der Vergangenheit schon im Jugendbeirat von Neustrelitz engagiert habe. Der Jugendbeirat bündelt die Stimmen junger Menschen in der Stadt und trägt sie in die Stadtpolitik. Sie nehmen an Ausschusssitzungen teil und können eigene Projekte umsetzen. Als Luca noch dabei war, hätte es beispielsweise den Plan gegeben, den Skatepark in Neustrelitz zu sanieren. Nachdem Freund*innen von ihm zum Studieren weggezogen und damit aus dem Jugendbeirat ausgetreten sind, hat auch Luca das Gremium aus dem Blick verloren. Er wünscht sich aber weiterhin mehr Möglichkeiten, um vor Ort etwas unternehmen zu können.

Jetzt im Sommer sei er viel unterwegs und feiere mit seinen Freunden. Trotzdem sagt Luca: „ich will nicht immer nur Feiern. Ich will auch mal was Cooles machen können und dafür nicht nach Berlin fahren müssen.“ Er hat den Eindruck, vor allem in MV gäbe es eine „Herrschaft der alten Leute“, da würde die Jugend mitunter vergessen werden.

Diese Einschätzung entspricht nicht nur einem Gefühl. Mecklenburg-Vorpommern hat die zweitälteste Bevölkerung Deutschlands, direkt nach Sachsen-Anhalt. Nur 17 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre und viele ziehen weg. So wie die Mitglieder aus dem Jugendbeirat, suchen junge Menschen nach der Schule ihren Platz woanders.

Ein Fest der Sichtbarkeit – der CSD in Neustrelitz

Ein paar Wochen später, kurz vor der Landtagswahl in MV, findet in Neustrelitz aber doch noch ein großes Fest statt, das besonders für junge Menschen attraktiv ist: der CSD. Olivia, Fiete und Luca haben sich sehr darauf gefreut. Am 15. August zieht eine Parade durch die Stadt, es gibt Konzerte am Abend und eine Party im Kunsthaus.

Christian Krüger, der Vorstandsvorsitzende von Queer-Strelitz, bestätigt, dass die jährlichen Paraden in Neustrelitz und der Nachbarstadt Neubrandenburg besonders junge Menschen ansprechen. Dabei seien nicht alle queer, aber bunt und gut gelaunt. Er ist der Meinung: „Wenn man nicht will, dass alle zu den Rechten gehen, muss man selbst coolere Veranstaltungen auf die Beine stellen.“ Der CSD sei „auf dem platten Land“ besonders wichtig, weil er queeres Leben sichtbar mache, das sonst unauffällig sei, findet Krüger. Das schaffe nicht nur Akzeptanz, sondern unterstütze auch queere Jugendliche, die sich damit gesehen fühlen.

Olivia, Luca, Fiete und Anne erinnern sich, dass beim CSD vor zwei Jahren Unbekannte über den Zaun vom Kunsthaus Eier geworfen haben. Dieses Mal blieb es friedlich. Es gab nur eine kleine Gegendemonstration mit 12 Personen beim CSD in Neustrelitz.

Luca, ein Junge mit blonden, mittellangen Haaren, steht an einem bunten Planenwagen. Er will ihn am hinteren Ende öffnen. Auf der Plane sind große Buchstaben in grün und blau auf rotem Untergrund zu sehen.
Luca öffnet die Plane eines Anhängers, den sie beim letzten CSD für das Kunsthaus gestaltet haben.

Die Wahlen in MV am 20. September 2026

Wenn der Landtag in Mecklenburg-Vorpommern gewählt wird, dürfen Luca, Olivia und Fiete zum ersten Mal ihre Stimmen abgeben. Wie die Wahl ausgeht, wissen sie nicht. Sicher ist nur, dass sie nicht gleichgültig sein werden, wenn die AfD die meisten Stimmen bekommen sollte. „Wir würden vermutlich auf Demos gehen, um zu zeigen, dass es auch Leute gibt, die damit nicht zufrieden sind“, meint Luca, „Ich würde mir auf jeden Fall angucken, was da passiert.“

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie sich im Kunsthaus treffen würden, um Plakate zu malen und zu diskutieren. Dafür liegen Farben und Pinsel bereit, die Tür in der grauen Fassade steht offen.

*Namen geändert

Eine Wand ist unregelmäßig mit bunter Farbe bemalt. Vereinzelt sind Namen und Symbole zu erkennen. Davor stehen zwei bunt bemalte Stühle und ein Holzregal mit Farbtuben.
Das Kunsthaus ist ein Freiraum zum Ausprobieren und kreativ sein.  


Der Artikel erscheint im Rahmen unseres Open Calls für FLINTA*, gefördert durch Filia. Die Frauenstiftung bei redaktioneller Unabhängigkeit.

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