Herbst 2023 – Wir sind wieder unterwegs in Sachsen, um für unser Magazin zu recherchieren. Wir führen Interviews, fotografieren, zeichnen, entdecken neue Orte, treffen engagierte Menschen. Wir genießen unsere Freizeit dort, wo andere nur rechte Menschen sehen. Deshalb gehen wir heute auf eine Reise durch mehrere Städte in Sachsen und stellen Menschen und Orte vor, die zeigen: Sachsen ist mehr als nur braun.


an dem wir aufgewachsen sind jedes Mal von einer anderen Seite.
Anschluss ohne Dogma
Als wir auf einem dieser Wochenendausflüge Basti kennenlernen, ist er ein neugieriger Jugendlicher aus Rochlitz, einer kleinen Stadt in Mittelsachsen, der sich noch nie richtig mit Politik beschäftigt hat und auf der Suche nach Anschluss ist. Er probiert sich aus, ist in verschiedenen Kreisen unterwegs und sucht seinen Platz. Sowohl in der subkulturellen, linken Szene, als auch in eher rechten Fußballkreisen. In Rochlitz gibt es eine Gruppe an linken Jugendlichen, die sich regelmäßig treffen. Nicht nur um Aktionen zu planen, sondern auch um zu feiern und eine gute Zeit zu haben. Genau diese Gruppe nahm auch Basti bei sich auf. Dass er aufgenommen wird und sich in die Gruppe integriert, funktioniert nur mit Toleranz und Offenheit neuen Menschen gegenüber. Auch wenn diese nicht alles richtig machen oder Wörter verwenden, die in progressiven linken Kreisen nicht verwendet werden. Sonst erreicht man nur Menschen, die sowieso schon der gleichen Meinung sind.
Basti geht damals auf die Oberschule. Er erzählt uns, dass dort “dazu gehören” auch oft von den Einzelnen abverlangt, auf dem rechten Auge blind zu sein. Auch die Jugendgruppe, die sich klar als links versteht, kämpft angesichts dessen damit, anschlussfähig für alle Jugendlichen zu sein. Doch bei Basti klappt es. Er findet in der Gruppe einen sozialen Raum, in dem er akzeptiert wird.
Als wir Basti nach einem halben Jahr wieder treffen, ist er bereits fester Teil der Gruppe und übernimmt wichtige Aufgaben. Er wirkt selbstbewusster und redet deshalb anders als zuvor. Er scheint richtig aufzublühen und als wir weiterziehen, fragen wir uns: Was wäre gewesen, hätte es kein linkes Angebot gegeben, das Basti aufgefangen hätte? Was wäre, wenn es statt alternativen linken Orten nur ein rechtes Angebot, wie zum Beispiel von der rechtsextremen Partei „Der Dritte Weg” oder rechten Fußball-Ultras gegeben hätte, so wie in vielen anderen Orten in Sachsen? Dann wäre Bastis Geschichte vermutlich sehr anders verlaufen und wir hätten uns wahrscheinlich nicht wieder mit ihm unterhalten können.

Gummibärchen, Workshops und Werwolf
Eine große Wiese, umrandet von Bäumen, irgendwo auf dem Land. Nach dem Abendbrot hockt eine Gruppe Kinder in einem Großzelt zusammen. Sie erzählen von den Abenteuern, die sie heute fernab der Eltern und mitten in der Natur erlebt haben. Die Kinder plaudern fröhlich darüber, auf was sie sich am nächsten Tag am meisten freuen. In zwei Wochen voller Gummibärchen, Workshops und “Werwolf” spielen macht auch Hannah ihre ersten Erfahrungen im Ferienlager der Falken. Sie berichtet: „Die Falken setzen bei jungen Kindern viel auf […] das Thema: Wir sind alle gleich viel wert.“
Kinder aus ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen haben hier die Chance, sich abseits des Alltags kennenzulernen, auszutauschen und Einblicke in die Lebensrealitäten anderer zu erhalten. Es entsteht ein starkes Gruppengefühl mit viel Empathie füreinander.
Die Kinder üben sich spielerisch frei und mit der Hilfe der Betreuenden daran, wie gelebte Solidarität aussehen kann. Ein wichtiges Werkzeug, das nicht nur in linken politischen Kämpfen essentiell ist, um sich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen. Die Falken zeigen den Kindern, wie wertvoll ein Miteinander sein kann, wenn man sich gegenseitig zuhört und gemeinschaftlich Projekte umsetzt. Die Betreuer*innen lassen die Kinder so viel wie möglich selbst organisieren. Entstehen Konflikte, unterstützen sie und suchen im Dialog Lösungen, anstatt streng Verbote zu diktieren.

Im Alltag werden Anliegen von Kindern oft nicht vollkommen ernst genommen. Losgelöst davon können solche Ferienlager ein kleiner Raum der gelebten Utopie sein. Die Kinder können hier viel mitbestimmen und lernen, wie wichtig es ist, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Sie entscheiden selbst, wie sie die zwei Wochen im Falkenzeltlager füllen. Von Langos für das ganze Camp Backen, über inhaltliche Workshops Besuchen bis Poolbau können sie sich hier ausprobieren. Und merken so, dass sie die Stärke und die Fähigkeiten haben, etwas in der Gesellschaft zu verändern.
Die Arbeit von Jugendorganisationen wie diesen ist bedeutsam. Jedoch ist jedes Zeltlager mit viel Aufwand in Form von ehrenamtlichem Engagement und Fördergeldern verbunden. Dadurch können nicht alle solche Erfahrungen in der Kindheit machen. Und während es auf dem Land an allen Ecken und Enden an Angeboten fehlt, kämpfen unabhängige Jugend- und Kulturräume in Großstädten damit, niederschwelligen Zugang zu schaffen.

Keine Coolkids
“In dem alternativen Viertel Dresdens, der Neustadt […] gab es immer ein paar Coolkids, aber zu denen habe ich nie den Zugang gefunden”, erzählt Luca. Mit dem Aufwachsen keimte in Luca das Gefühl, dass vieles in der Welt ungerecht abläuft. In theyren Familie wurde über Politik viel geredet, oft auch über linke Themen. Dabei seien allerdings Themen wie Feminismus eher ausgespart worden. Auch in der Schule fehlt es an Gleichgesinnten. Während des Aufwachsens fühlt sich Luca mit theyren Gedanken und Sorgen oft allein. Rückblickend wünscht sich Luca vor allem mehr niederschwellige Angebote, die in der Lage sind, eben diese Gefühle von Wut und Machtlosigkeit aufzufangen. Heute ergreift Luca deswegen in verschiedenen Organisationen selbst Initiative. “Wir machen jetzt süße Sachen zusammen und wir politisieren uns gleichzeitig und dann merkst du, dass das, was dir passiert, auch anderen widerfährt.”

Strukturen schaffen, Strukturen schützen
Während unserer Sachsen-Wochenenden erfahren wir immer wieder, wie wichtig progressive Jugendarbeit als Bollwerk gegen autoritäre und rechte Kräfte ist. Kräfte, die sich mittlerweile nicht nur im Osten breit machen. Sei es durch massive Kulturkürzungen im Bundeshaushalt, durch die allein der freien Kulturszene im Bereich Darstellendes Spiel zehn Millionen Euro verloren gehen; die neue Grundsicherung, die unter Androhung von Leistungsentzug und Wohnungslosigkeit Betroffene zwingt, unter den widrigsten Konditionen zu arbeiten oder Politiker*innen, die hemmungslos ihre Abschiebefantasien vorantreiben. Kurzum: Es sieht nicht rosig aus – und das bundesweit. Der viel zitierte Rechts“ruck“ ist angesichts dessen kein diffuses Phänomen, sondern Auswirkung ganz realer politischer Entscheidungen. Entscheidungen, die dazu führen, dass an Bildung, Kultur und Sozialhilfe gespart wird. Und Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Zukunft ohne finanzielle Sicherheit und Perspektive, aber dafür mit maroder Infrastruktur und viel Wut im Bauch. All das ist im Osten Deutschlands lange schon Realität.

„Wenn man sich nicht um die offene Gesellschaft kümmert und die Strukturen dafür schafft, dann wird es braun“, weiß auch Jörg Banitz, genannt Bani. Bani ist Sozialarbeiter im Soziokulturellen Zentrum „Alter Gasometer“ in Zwickau. Er betont: „Eine offene Jugendarbeit, die die Gesellschaft betrifft, mitnimmt und nicht ausgrenzt, kann nur eine Jugendarbeit sein, die sich als antifaschistisch versteht“. Aktiv seit DDR-Zeiten, hat Bani mit den Baseballschläger Jahren, der Zeit des NSU in Zwickau und nicht zuletzt der Coronapademie schon einige Tiefschläge in der Sozialarbeit miterlebt.

Auch heute nähme er wieder verstärkt die Auswirkung rechter Filterblasen durch Social Media wahr. Vor allem die Einflussnahme auf junge Erwachsene sei spürbar gestiegen, berichtet er.Umso wichtiger sei es, dass Orte wie das „Gaso“ bestehen. Orte, in denen sich Jugendliche begegnen können und in den Austausch treten. Freiräume abseits der Vereinzelung im Internet. Um einzugreifen, bevor sich junge Menschen im Strudel rechtsextremer Hetze verlieren, wird im Gaso auf vielfältige Lern- und Bildungsangebote gesetzt.
Doch die strukturelle Pufferzone, die zwischen Stadt und Land, wie auch zwischen Ost und West, für einige wenige eine gewisse Sicherheit versprach, schwindet im Angesicht einer Politik, die seit Jahrzehnten Profite statt Sozialpolitik begünstigt, stetig dahin. Das Resultat: Auch kleinere Städte im (sächsischen) Hinterland kämpfen längst mit den Auswirkungen dieses soziokulturellen Kahlschlags. Was also tun, wenn klassische Angebote der Jugendarbeit wie Ferienfreizeit, Bildungs- und Kulturprogramme zunehmend durch staatliche Kürzungen unter Druck stehen oder gar nicht erst existieren? Und wie Hilfe anbieten, wenn erste Schritte in der rechtsextremen Szene schon getan sind?
Abseits von Hass und Hetze: Jugendarbeit in Zwickau
„Leute zurückholen ist immer ein schwieriger Prozess“, weiß auch Toni Fischer. In Zwickau aufgewachsen und geblieben, zeigt er, dass Jugendarbeit viele Facetten hat. In der kleinen Stadt im Osten treffen einerseits verschiedene Lebensrealitäten oft schonungslos aufeinander. „Auf der anderen Seite ist das auch manchmal was Gutes. Bestes Beispiel ist der Laden hier“, fährt Toni fort.

Der Laden, das ist die DIY Druckbar. Ein kleines Geschäft am Zwickauer Neumarkt rund um Sprayer-Bedarf, analoger Musik, Sticker und Shirts, die Toni als Inhaber eine Tür weiter selbst bedruckt. Sofas im DDR-Chic und Lichterketten, dazu dudelt Punkmukke vom Plattenspieler im Hintergrund.
Viele Jugendliche schneien herein, stöbern herum, kickern, kommen ins Reden – auch mit Toni. Für einige ist es der erste Anknüpfungspunkt an Sozialräume außerhalb rechter Echokammern. Die Kids, wie Toni sagt, kämen auch oft nicht aus den besten Elternhäusern, sprächen anders, teils vulgär oder sexistisch. „In anderen Städten würden die dann rausfliegen, aber […] ich glaube, denen muss man harte Grenzen setzen und trotzdem Hilfe anbieten“, erklärt uns Toni. „Es sind auch manchmal Kids hier, von denen ich weiß, dass sie vor zwei Jahren noch bei den Faschos unterwegs waren und mittlerweile sagen, dass sie sich [in der DIY Druckbar] wohler fühlen. Und das ist für mich schon ein Punkt, an dem ich sage, es kann nur besser werden”.

Ernstgenommen
Kann es also so einfach sein, ein offener, unabhängiger Raum und eine Person, die die Kids in ihren Sorgen ernst nimmt? Manchmal ja. Um “[…] diesen ganzen Weltschmerz und dieses Ohnmachtsgefühl zu überwinden”, hilft es, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass es auch jetzt schon “reale Utopien [gibt, die zeigen], wie es funktionieren kann”, bekräftigt auch Luca. Und „dann kann es eigentlich sehr einfach sein”, träumt Luca weiter, “Dass Menschen in Zwängen leben, das findet ja keiner geil und ich glaube, wenn wir den Menschen zeigen, wie es [besser] sein könnte, dann wird das.“
Ein Traum, den wir gerade jetzt gemeinsam am Leben halten müssen, jeden Tag aufs Neue, bis er endlich Realität für alle wird.

Thilo Koppen, Calvin Thomas und Lio Micholka sind das Außenposten Kollektiv. In ihrem Debüt Magazin „Weitermachen“ erzählen sie von dem Sachsen, in dem sie aufgewachsen sind – weg von Ost-Klischees hin zu tatsächlichen Lebensrealitäten, mit allen Höhen und Tiefen, und den Menschen, die sie dabei begleitet haben. Um so viele Perspektiven wie möglich aufzuzeigen, kehrte das Kollektiv vor 2 Jahren in ihre Heimatorte zurück, um mit den Menschen zu sprechen, die deren Aufwachsen begleiteten. In „Weitermachen“ kommen alle jene zu Worte, die sonst so oft überhört werden: Freund*innen, Bekannte, Familie und Engagierte. Mehr findet ihr auf Instagram @aussenposten.kollektiv. Für das Reversed Magazine haben sie ihre Erlebnisse neu aufbereitet und neu kontextualisiert.

Der Artikel erscheint im Rahmen des Projektes Über Ostdeutschland und resiliente Demokratie, gefördert durch das Bündnis Zusammen für Demokratie. Einen weiteren Beitrag aus der Reihe lest ihr zum Beispiel hier, hier oder hier.


