Der 1. Mai in Berlin ist auch 2026 halbwegs geräuschlos vorbeigegangen. Viel Party, ein bisschen Demo. In der letzten Woche haben linke Zeitungen den Ersten Mai deshalb totgesagt und die taz argumentiert, dass das zu kurz greifen würde. Schließlich wollten alle – die Tanzenden und die Protestierenden – das gleiche. Wenn dem so wäre, weshalb haben sich die (progressiven) Party-Acts dann nicht der Demonstration angeschlossen, anstatt sie durch eine Parallelveranstaltung sogar zeitweise zu blockieren? Diese und noch viel mehr Fragen haben wir uns in der vergangenen Woche in der Redaktion gestellt – ohne eine abschließende Antwort zu finden. Aber worin wir uns einige sind, ist: Die Fragen rund um den 1. Mai betreffen so einige Bereiche mehr als nur den „Tag der Arbeit“.
Party versus Protest – muss sich das im Wege stehen?
Bereits die Anarchistin Emma Goldman schrieb in ihrer Biografie, jemand sei an sie herangetreten und hätte sie dafür getadelt, zu ausgelassen zu tanzen oder zu feiern, anstatt sich mit mehr Ernsthaftigkeit „Der Sache“ zu widmen. Sie sagte daraufhin „I did not believe that a Cause which stood for a beautiful ideal, for anarchism, for release and freedom from conventions and prejudice, should demand the denial of life and joy.“ Grob übersetzt: „Ich glaubte nicht, dass eine Sache, die für ein schönes Ideal stand, für den Anarchismus, für Befreiung und Freiheit von Konvention und Vorurteil, die Verleugnung von Leben und Freude fordern dürfe.“ Oder, wie es überliefert ist: „Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution“. Fragt sich nur: Steckt in der Berliner Party überhaupt noch Revolution?

Fragen zum 1. Mai in Berlin – und den politischen Rahmenbedingungen
- Wie viel entpolitisierter ist der 1. Mai heute?
- Ist nicht ganz Berlin entpolitisierter?
- Ist nicht die ganze Gesellschaft – obwohl politisch informiert – nicht auch in vielen Bereichen entpolitisiert? Einfach, weil es ein Symptom der neoliberalen me-culture ist?
- Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist in den letzten 20 Jahren massiv gestiegen – egal sind den Menschen soziale Themen noch lange nicht. Äußert sich Engagement also einfach anders?
- “Die Jugend” gilt als sehr politisiert. Wieso bildet sich das in den Protesten rund um den Ersten Mai weniger ab?
- Könnte eine Stärkung von Gewerkschaften die Leute wieder zurück auf die Straße bringen? Sind Gewerkschaften dazu überhaupt noch in der Lage?

Unsere Fragen zu Parties versus Protest
- Können tanzen, Party und Protest klug zusammengebracht werden? Wie viele Feiernde möchten das überhaupt?
- Kulturkürzungen überall: Wie viel Protest kann tanzen sein?
- Viele (nicht-offizielle) Veranstaltungen wurden von queeren Kollektiven organisiert. Ihnen brechen Räume weg. Sollte man solche Veranstaltungen dann nicht unterstützen?
- Sollte man diese Parties und Feiernden dann anders „bewerten“ als die kommerzielleren Kreuzberger-Veranstaltungen, bzw. sind das unterschiedliche Debatten?
- Die Existenz / Das Leben einer marginalisierten, wie das einer queeren Person, ist inhärent politisch. Natürlich sollte man als Nicht-betroffene Person akzeptieren, dass betreffende Personen selbst entscheiden möchten, wann sie sich wie politisch äußern. Aber sollte man nicht dennoch Interessen und Kämpfe zusammendenken?
- Wo gibt es Anknüpfungspunkte von Party und Protest?
- Würden in Berlin weniger Menschen zu Protesten gehen, wenn nicht häufig Party teil von Protest wäre? Wäre das schlimm? Kann man davon lernen, wenn es um Mobilisierung geht?



Fragen zu und wie weiter?
- Wie können wir Social Media-Empörung- und Protest in andere Kotexte übersetzen?
- Wie lassen sich Klassenfragen und aktuelle Debatten rund um Überreiche klug an privilegierte Milieus heran- und auf die Straße tragen?
- Wie können wir (auch medial gedacht) zeigen, dass progressive Anliegen zusammenhängen und deshalb alle von Demonstrationen (am 1. Mai und darüber hinaus) profitieren?
- Wie können progressive Medien dazu beitragen, dass Debatten nicht mehr isoliert betrachtet werden?
Und welche Fragen, Gedanken – und vielleicht Antworten – habt ihr?
Alle Fotos analog und aus unserem Berlin-Archiv.


