V

Vielfalt als Chance begreifen – ein Gespräch über Halle-Neustadt  

„Ich kann mir nicht vorstellen, an einem anderen Ort in Halle zu wohnen“, sagt Bahloul* mit einem Lächeln im Gesicht, als er die Neustädter Passage betritt. Auf dem Platz herrscht trotz wechselhaftem Wetter reges Treiben. Im Brunnen spielen Kinder, eine Mutter bringt ihre Einkäufe nach Hause und vor dem Neustadt Zentrum steht eine Menschengruppe zusammen im Gespräch bei einer Zigarette.

Bevor Bahloul nach Deutschland geflüchtet ist, hat er in Syrien als Anwalt gearbeitet. Heute lebt er seit mittlerweile zehn Jahren in Halle-Neustadt und arbeitet als Sprachmittler beim Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt (LAMSA). Der Stadtteil, der in den Medien in der Regel im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen, Gewalt oder Kriminalität zum Thema gemacht wird, ist Bahlouls selbstbezeichnete „zweite Heimat“. Ein Ort, an dem er sich wohlfühlt. Aus seiner Sicht lebt der Stadtteil genau von der kulturellen- und der Generationenvielfalt, die oftmals als Ursache für Probleme genannt wird. Es birge natürlich Herausforderungen, aber gerade wegen den vielen jungen Menschen auch große Chancen.

Bahloul betritt die Neustädter Passage – ein zentraler Platz in Halle Neustadt.

Halle Neustadt im Wandel der Zeit – zwischen „Stadt der Chemiearbeiter“  und Stigmatisierung als „Problemviertel“ 

Halle Neustadt wurde in den 1960er Jahren nicht als Teil von Halle, sondern als eigenständige Stadt gebaut, um in erster Linie den Angestellten in der Chemieindustrie ein Zuhause zu geben. Viele der Anwohnenden, wie Bahloul, schätzen die so entstandene funktionale Infrastruktur des Viertels. Im Gespräch stellt er die vielen Schulen, Sportvereine, Schwimmbäder, sowie die gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr heraus. Zu den Hochzeiten 1980 lebten in Halle-Neustadt 90.000 Menschen und der Stadtteil galt als Vorzeigeprojekt des sozialistischen Städtebaus.

Mit der Wende 1989 erlebte er jedoch einen Bruch. Da große Teile der Chemieindustrie wegbrachen, verließen viele junge Menschen Halle-Neustadt und die Arbeitslosigkeit stieg an. Es blieb viel Leerstand zurück, dem sich jedoch ab den 2000ern zunehmend im Rahmen des Bundesprogramms Stadtumbau Ost angenommen wurde. Tausende Wohnungen und ganze Häuserblocks wurden in diesem Zusammenhang abgerissen, was für viele Anwohnende, die sich mit dem Stadtviertel identifizierten, nicht leicht war. In dieser Zeit änderte sich auch die äußere Wahrnehmung des Stadtteils stark. Medienanalysen kommen zu dem Ergebnis, dass Viertel, wie Halle-Neustadt in vielen Berichten von unter anderem dem Spiegel oder der Zeit in den 90ern und frühen 2000ern als Repräsentanten für „die Probelme des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR“ herangezogen wurden. Ein Viertel, über dessen Entstehung und Vergangenheit sich viele identifizierten, wurde medial so zunehmend als „Problemviertel“ stigmatisiert.

Halle Neustadt als Chance begreifen

Ab etwa 2010 erhält das Stadtviertel schließlich wieder deutlich mehr Zulauf durch Studierende, Mittelständler*innen, die verhältnismäßig günstige, neu sanierte Wohnungen beziehen und gerade ab 2015 dann durch Geflüchtete. Hier treffen also Generationen und Kulturen aufeinander. Während dies medial und seitens Teilen der alteingesessenen Bewohner*innen laut einer ethnographischen Studie von Studierenden der Humangeografie an der Universität Halle meist als Ursache für Probleme, wie Gewalt und Kriminalität gesehen wird, bewertet Bahloul es als Mehrwert und Chance:

„In Halle Neustadt kommen sehr unterschiedliche Generationen zusammen. Wenn du dich in anderen Vierteln in Halle bewegst, siehst du vielleicht zwei, drei Kinder. Hier sind die Hälfte der Menschen, die du auf der Straße siehst, Kinder und in diese Kinder sollten wir investieren. Das ist nicht einfach. Wenn viele Kinder aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen zusammenkommen, dann kann das auch Konflikte geben. Wenn wir uns aber gut um die Kinder kümmern, dann werden sie später viel beitragen. Persönlich fühle ich mich auch mit meinen Nachbar*innen sehr wohl. Der Rückhalt, den ich durch sie spüre, gibt mir Sicherheit in Momenten, wo ich die Kinder alleine zuhause lassen muss. Ich kann nicht sagen, dass es alles optimal ist, aber jede Sache in unserem Leben hat positive und negative Seiten. Was wichtig für uns ist, ist dass wir negative Dinge gemeinsam angehen und positive Dinge nutzen.“

Gegen eine einseitige Stigmatisierung

In diesem Zusammenhang kritisiert Bahloul auch die medial überwiegend negativ pauschalisierenden Darstellungen von Halle-Neustadt. Sie würden nur einen Teil der Realität abbilden und diese dadurch stark verzerren. „Die positiven Geschichten verdienen genauso Aufmerksamkeit. Insgesamt wird leider häufig ein falsches Bild vermittelt, und viele Menschen übernehmen dieses, ohne es wirklich zu hinterfragen. Es ist wie mit einem Tropfen Öl in einem Eimer voller Wasser. Den kann man sehen. So ähnlich stellen es Medien in Halle-Neustadt heraus, wenn etwas Schlimmes passiert. Diese Darstellungen führen zu Angst bei den Menschen und das kann ich verstehen. Ich wohne hier seit zehn Jahren. Ich habe vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Wir sind häufig auch nachts unterwegs, zum Beispiel wenn wir vom Sport wiederkommen. Es ist in den zehn Jahren nie etwas passiert.“

Der Blick auf die Geschichte des Stadtteils zeigt: Während der Gruppe von Menschen mit Migrationsgeschichte in Teilen der Berichterstattung und durch Teile der Bevölkerung die Schuld an aktuellen Problemen zugeschrieben wird, bestanden strukturelle Probleme und das Gefühl, nicht mitgedacht zu werden, schon vor 2015. 

Es braucht Begegnung – der Ansatz vom LAMSA e. V.

Ein Ansatz, dieser Entwicklung entgegen zu wirken und Stereotype abzubauen, ist es, Begegnung zu schaffen. Hier setzt der LAMSA e.V.  an, an deren Stand wir Bahloul kennenlernen. Der Verein setzt sich in Sachsen-Anhalt für die Interessen der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte ein. Auf dem Zukunftsfestival, wie vor einigen Wochen in Halle Neustadt und in anderen Städten in Sachsen-Anhalt, organisiert der Verein „Demokratische Tür-zu-Tür-Gespräche“. Das Ziel dabei ist es, zwischen Menschen mit, aber auch ohne Migrationsgeschichte, Begegnungen zu schaffen und gemeinsam darüber zu sprechen, was sich Menschen für ein Zusammenleben in Sachsen-Anhalt wünschen.

Bahloul unterstützt diesen Ansatz, denn während er sich in Halle-Neustadt sehr wohl fühlt, gibt es gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, die ihm Sorgen machen: „In den letzten Jahren habe ich eine Veränderung in den Einstellungen zu Menschen mit Migrationsgeschichte beobachtet. Vorurteile nehmen immer mehr Raum ein. Ich selber habe bisher keine großen Probleme gehabt. Meine Kinder studieren, ich habe viele positive Menschen kennengelernt und ich fühle mich angekommen. Dennoch machen mir die aktuellen Entwicklungen und wie in dieser Gesellschaft über Migrant*innen gesprochen wird, Angst. Ich bin 51 Jahre alt und habe mir hier in den letzten zehn Jahren etwas aufgebaut. Ich habe kein zweites Leben, in das ich zurückkehren kann.“ 

Der Ansatz von LAMSA sei gerade mit Blick auf die Landtagswahlen der Richtige, um hier etwas zu bewirken: „Wir müssen wieder mehr versuchen, andere Menschen zu verstehen und mit ihnen über die aktuellen Entwicklungen ins Gespräch kommen. Wir sitzen alle im selben Boot und wenn sich die Verhältnisse weiter verschlimmern, hilft das niemandem. Wir müssen einander respektvoll und tolerant begegnen. Menschen sollten nicht aus einzelnen Situationen pauschalisierende Rückschlüsse auf ganze Menschengruppen ziehen.. Bei LAMSA engagiere ich mich, weil ich Menschen zusammenbringen und zeigen möchte, dass Vielfalt unsere Gesellschaft bereichert.“

Angst vor rassistisch motivierter Gewalt – nicht vor den Menschen in Halle Neustadt

*Der Name von Bahloul wurde in Absprache geändert. Als Grund dafür führt Bahloul an, dass er bei dem aktuellen politischen Klima Angst habe, Diskriminierung und Gewalt zu erfahren. Er will deshalb nicht mit Gesicht auftreten, aber wird trotzdem aktiv bleiben: „Wir haben keinen anderen Weg. Die einzige Lösung, damit wir hier gut zusammen leben können ist, dass wir alle zusammenarbeiten, um unsere Zukunft auszubauen.“

Der Bruchsee ist ein weiterer Wohlfühlort der Menschen in Halle Neustadt

Mehr zu gesellschaftlichem Zusammenhalt in Sachsen-Anhalt lest ihr zum Beispiel hier.

CategoriesFotografiert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert