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Gekommen, um zu bleiben – Queere Spaces in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt steht vor einer Landtagswahl, deren Ausgang queere Menschen im Land mit Angst erfüllt. Die AfD liegt in Umfragen vorn – sollte sie gewinnen und es fertigbringen, eine Koalition zu bilden, wäre Sachsen-Anhalt das erste Bundesland, das von einer rechtsextremen Partei regiert wird. Einer Partei, die queere Förderstrukturen offen ablehnt und Spaces wie die Rainbow Connection, Anlaufstelle und Treff für queere Geflüchtete für Beratung und Austausch, am liebsten einreißen würde. Und doch gibt es Menschen, die hier nicht nur leben. Sondern aktiv dafür sorgen, dass queere Räume entstehen und bestehen bleiben – in Magdeburg, in Halle und auf dem Land dazwischen.

Sophie studiert Soziale Arbeit in Magdeburg und engagiert sich seit knapp drei Jahren beim LSVD+ Queere Vielfalt in der Landeshauptstadt: als Leiterin des queeren Buchclubs, als Betreuerin der Bibliothek, seit Herbst auch als Vorstandsmitglied. Ihr Studium liegt dafür gerade auf Eis. Ole ist in Magdeburg aufgewachsen und koordiniert heute vom Begegnungs- und Beratungszentrum, bbz, Lebensart in Halle aus die LSBTIQ-Landeskoordinierungsstelle Sachsen-Anhalt Süd. Ole vernetzt queere Akteur:innen, begleitet Menschen durch Beratungsanliegen und bildet Fachkräfte weiter.

Zwei Organisationen, zwei Städte – und dieselbe Frage: Wie macht man weiter, wenn Förderungen wegzubrechen drohen, queere Spaces in Sachsen-Anhalt geschlossen werden sollen und die politische Stimmung rauer wird? Ich habe beide an ihren Wirkungsorten begleitet.

Wer seid ihr, wer hält hier die Stellung?

Ole: Als queerer Mensch, der gebürtig aus Sachsen-Anhalt kommt, fand ich es cool, auf einer politischen Ebene im Land mitwirken zu können.

Sophie: Als bisexuelle Frau kann ich im Vorstand sitzen und sagen: Ich bin queer, ich bin da, und ihr kriegt mich hier nicht weg. Das ist ein Verband für queere Vielfalt. Und wir gehören auch dazu.

Queere Spaces: Was sind eure Angebote?

Ole: Meine Aufgabe ist vor allem queere Netzwerkarbeit – verschiedene Akteur:innen, die entweder aus der queeren Selbstvertretung kommen oder einfach mit queeren Menschen arbeiten, in verschiedenen fachlichen oder politischen Kontexten zusammenzubringen. Sie zu vernetzen und gemeinsam für eine bessere Versorgungs- und Unterstützungsstruktur für queere Personen im südlichen Sachsen-Anhalt zu arbeiten. Das schlägt sich dann in den verschiedensten Netzwerken und AGs nieder, wo man versucht, auf verschiedenen Ebenen gemeinsam etwas zu bewirken.

Darüber hinaus bin ich natürlich auch Ansprechperson für alle Unterstützungssuchenden – und versuche dort vor allem, eine Lotsenfunktion wahrzunehmen: Wo kann ich Menschen in eine qualifizierte Beratung bringen, wenn ich sie selbst nicht leisten kann? Beratungsanliegen sind oft sehr spezifisch, und man muss gut vernetzt sein, auch mit Trägern außerhalb der queeren Unterstützungsstrukturen – weil es auch oft Bedarfe gibt wie zum Beispiel Unterstützung in Asylverfahren.

Und nebenbei mache ich noch Bildungsarbeit: Fachkräfte dabei zu unterstützen, ihre eigenen Angebote quersensibler zu gestalten – mit Zielgruppen wie Mitarbeiter:innen der Wohnungslosenhilfe, der Pflege, Sozialarbeiter:innen, Erzieher:innen.

Wer kommt zu euch – und wer kann nicht mehr kommen?

Sophie: Unsere Arbeit ist auch im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Situation schwierig, weil die Menschen, die zur Rainbow Connection kommen wollen, größtenteils noch im Asylverfahren sind. Sie befinden sich noch im Verfahren – zwischen ihren Anhörungen oder nach ihren Anhörungen – und haben eben noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, dürfen sie den Wohnort, wo sie gerade untergebracht sind, nicht verlassen.

Hinzu kommt, dass ich jede Woche für die Leute, die herkommen wollen, mindestens eine Woche im Voraus – bestenfalls zwei Wochen – eine Einladung an die jeweilige Einrichtung schicken muss, damit sie sich mit dieser Verlassenserlaubnis ans Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wenden und sich die Erlaubnis holen können, nach Magdeburg reisen zu dürfen. Und das finde ich furchtbar schade, dass dieser Rahmen mittlerweile so eng gezogen wurde.

Über Mangel: Zu wenige Stellen, zu wenig Geld für queere spaces

Ole: Wir können diese Angst vor der Zukunft natürlich auch nicht ganz nehmen – die Sorge davor, was eine politische Verschiebung nach rechts für queere Angebote bedeuten würde. Wir können Angebote schaffen, damit sich Menschen empowern, sich vernetzen, bei uns einen Platz finden, an dem sie sich treffen können. Und wir tun natürlich alles dafür, diesen Raum auf jeden Fall auch weiterzutragen.

Sophie: Es geht tatsächlich auch primär um die Frage, wie wir unsere Arbeit weiter finanzieren können. Wie können wir sagen, dass wir im nächsten Jahr hier noch standhaft mit dem Regenbogencafé als Verein sichtbar sind? Das möchte die AfD natürlich nicht – queere Spaces sollen ja geschlossen werden. Angebote sollen gekürzt werden, oder eben ganz gestrichen. Also das, was ich jetzt hier auch in der Rainbow Connection mache, wird es so mit großer Wahrscheinlichkeit dann nicht mehr geben. Und dann tauschen wir uns vor allem über Alternativen aus: Was können wir tun? Was können wir im Worst Case machen, damit wir nicht auf der Straße stehen?

Wie ist die Stimmung vor der Wahl in Sachsen-Anhalt? Über Angst ohne aufzugeben

Ole: Aufs Aufgeben habe ich keinen Bock – weil ich das Gefühl habe, dass gesamtgesellschaftlich manchmal eine Stimmung aufkommt, als wäre Sachsen-Anhalt verloren und aufgegeben. Dabei haben wir so viele tolle Initiativen, tolle Menschen, tolle Communities hier in Sachsen-Anhalt – und auch meine Familie. Deswegen sage ich: Wir geben Sachsen-Anhalt nicht vorher schon auf und sagen, dann lohnt sich alles nicht mehr. Natürlich müssen wir vereinsintern auch Szenarien durchspielen. Was ist, wenn uns Förderungen wegbrechen? Natürlich werden die Förderungen für queere Projekte als erstes weggekürzt – das ist völlig klar. Aber noch gibt es die Chance zu kämpfen. Und es gilt jetzt immer noch, um demokratische Mehrheiten zu ringen, damit unsere Angebote weiter aufrechterhalten werden können.

Über Widerstand und Zusammenhalt und das Bleiben – trotzallem.

Ole: Es gibt so viele tolle Leute, die sagen: Wir werden hierbleiben und auch weiter für die Queers Angebote unterbreiten. Gemeinsam veranstalten sie dann Veranstaltungen, tolle CSDs, bei denen man merkt: Hey, man guckt hier in lächelnde, mit Glitzer beschmückte Gesichter. Das sind auf jeden Fall Momente, die mir Hoffnung geben. Man trifft einfach so viele schöne Menschen in Sachsen-Anhalt – Leute, die cool sind, die gemeinsam Bock haben, etwas zu gestalten, die sich als Communities begreifen. Ja, wie soll man da die Hoffnung verlieren?

Sophie: Aktiv bleiben – ich glaube, das ist so der große Punkt. Auch im weitesten Sinne aktiv bleiben. Aktivistisch. Immer wieder. Auch gerade jetzt vor der Landtagswahl sagen: Schaut mal, wir sind sichtbar. Veranstaltungen mitnehmen. Queerpolitische Veranstaltungen. In den Austausch gehen. Das ist das, was wir machen können. Über Missstände aufklären. Und gerne über solche Formate an die Medien gehen – sich an Journalist:innen wenden. Einmal aufdecken, was hier gerade strukturell schiefläuft.

Was ist euer Ausblick, was eure Wünsche für die Zukunft?

Ole: Ich wünsche mir, dass es in diesem Sommer noch einmal eine breite zivilgesellschaftliche Offensive gibt – dass Leute mobilisiert werden, die vielleicht einfach schon ein bisschen aufgegeben haben und sich nicht mehr im politischen Prozess beteiligen. Dass noch mehr Menschen verstehen, dass sie von der Politik der AfD nicht selbst profitieren würden, sondern im Gegenteil, dass sich ihre eigenen Lebensverhältnisse massiv verschlechtern würden. Dass die Leute noch einmal wachgerüttelt werden – und dass es dort noch einmal einen lebhaften Sommer gibt. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft in Sachsen-Anhalt. Und natürlich, dass wir nicht nur im Status quo bleiben – sondern dass wir weiter fordern, und vor allem auch kriegen.

Sophie: Also in erster Linie ist es erst einmal wichtig, zu bestehen. So ganz elementar und essenziell: Wir sind da – auch wenn man zum Beispiel das Regenbogenkaffee nicht mehr hat. Dass wir als Gruppe trotzdem bestehen und uns weiter einsetzen, erst einmal ganz grundsätzlich für Menschenrechte, Bürgerrechte, Demokratie. Dass wir einfach da versuchen, weiterhin im Austausch zu bleiben und uns zu verbünden – auch aktivistisch aktiv zu werden, auf die Straße zu gehen, sich nicht fallen zu lassen, innerhalb der Community füreinander da zu sein.

Sophie: Das ist das, was wir machen können.

Lea: Und sollten?

Sophie: Und sollten. Und müssen.

Mehr zu Queerness, queeren Räumen und Herausforderungen lest ihr zum Beispiel hier, hier oder hier.

Der Beitrag ist bei redaktioneller Unabhängigkeit mit der finanziellen Förderung von Zusammen für Demokratie entstanden. In dieser Reihe haben wir bisher beispielsweise auch diesen Beitrag und diesen Beitrag publiziert.

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