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Vessel & Voyager: Co-Kuratorin Linnéa Meiners über Nachwuchsförderung und Druck auf den Kulturbetrieb

Came the moon, at last, which gave disrepair: vessel and voyager, despair. Humanspeak: Die Ausstellung Vessel & Voyager ist noch bis zum 10.05. in der Akademie der Künste in Berlin zu sehen. Als Teil der Jungen Akademie präsentieren dort 25 junge Künstler:innen ihre Arbeit – Co-Kuratorin Linnéa Meiners nimmt uns mit durch die Ausstellung, in den Kuratierungsprozess und in den Kulturbetrieb. Sie erklärt uns die Relevanz von der Förderung junger Kunstarbeiter:innen und vor welchen Herausforderungen die Kunstszene in Berlin und darüber hinaus gerade steht.

Du hast Vessel & Voyager in der Akademie der Künste, genauer gesagt in der Jungen Akademie co-kuratiert. Was ist das für eine Initiative?

Die Junge Akademie, geleitet von Clara Herrmann, hat insofern eine große Bedeutung, als dass die Akademie der Künste natürlich eine sehr alte und langjährig gewachsene Institution ist. In eine solche Organisation hineinzukommen, ist immer mit Herausforderungen verbunden. Im Fall der Jungen Akademie wird dieser Raum nicht nur für junge Künstler:innen geöffnet, sondern die Stipendiat:innen werden von Künstler:innen der Akademie empfohlen. Im Anschluss gibt es dann noch ein Juryverfahren. Ich finde es wichtig, junge oder aufkommende Künstler:innen in diese Strukturen einzuladen. Sie bekommen einen Raum zu produzieren, zum Kontakte und Verbindungen knüpfen, und die Möglichkeit, ihre Arbeit zu zeigen – und die Akademie profitiert natürlich auch von diesen neuen Sichtweisen und Positionen.

Vessel & Voyager: noch bis zum 10.05.2026 in der Akademie der Künste

Dieses Verfahren ist etwas Besonderes?

Es ist eine andere Herangehensweise, wenn Künstler:innen aus ihren vielseitigen Perspektiven – akademisch, nicht-akademisch – andere Künstler:innen vorschlagen. Es hat eine andere Dynamik, als wenn das ausschließlich Kurator:innen oder Kunsthistoriker:innen machen. Die Künstler:innen wissen, was die Stipendiat:innen in ihren Prozessen brauchen. Die Akademie besteht aus drei riesigen Ateliers mit Panoramafenstern zum Tiergarten, in denen die jungen Künstler:innen drei Monate arbeiten und wohnen. Während des Formats der Open Studios können Interessierte dazustoßen und Produktionsorte der Kunst kennenlernen. Das macht Kunst und den Weg zu ihr zugänglich, nachvollziehbar und sichtbar.

Wie zeigt sich das in der Ausstellung Vessel & Voyager?

Mir hat die Arbeit in diesem Prozess viel Freude gemacht, insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Team der Jungen Akademie. Alle dort sind toll, dynamisch und interessiert: Raphael Bruning, Marie Graftieaux, Clara Herrmann. Ich habe die Künstler:innen kennengelernt, ihre in den Open Studios entstehenden Werke angeschaut, wir haben den Prozess begleitet. In dem Gedicht Relation in Movement, 1977 von Logan February haben wir mit „Vessel and Voyager“ – Gefäß und Reisende – dann ein verbindendes Element zwischen den Arbeiten gefunden. Der Titel umfasst für uns sehr viel: Da stecken Erinnerung drin, Archivierung, Verlust, Trauma, Zukunft. Wir haben im Kuratierungsprozess auch oft über „eine Welt, die brennt“ gesprochen.

Wie passt das genau zusammen?

Viele der Arbeiten beziehen sich darauf, was gerade in der Welt passiert, welche Krisen und Kriege es gibt. Wie setze ich mich als Künstler:in damit auseinander? Das findet sich auch im Ausstellungsraum selbst. Dort, wo es in der Arbeit um die Waldbrände in Südkorea in 2025 geht, ist der ganze Raum in rotes Licht getaucht. Der Name der Ausstellung ist also interpretierbar und hat die Offenheit, politisch zu sein und die Möglichkeit, die Schwere der Themen mitzudenken. Eine andere Arbeit erzählt von einer Frau, die durch die russische Vollinvasion in der Ukraine ihr altes Leben, ihre alte Wohnung verloren hat. Dort, wo sie ein neues Zuhause fand, kommen viele im Kollektiv der dort Wohnenden zusammen an einen Tisch. Die Arbeit steht präsent im Raum, weil sie auch eine Einladung ist. Also erzählen die Arbeiten Geschichten, die viele Menschen erleben.

In der Jungen Akademie und in Vessel & Voyager gebt ihr jungen Künstler:innen und ihren Perspektiven Raum. Derzeit brechen aber ja sonst eher Räume für Kulturschaffende in Deutschland und Berlin weg.

Die derzeitigen Kürzungen treffen alle, aber insbesondere die Freie Szene sehr stark. Für freie Projekte bedeuten die Kürzungen häufig nicht, dass nur Fördergelder gestrichen werden, mit denen man dann vielleicht eine Ausstellung weniger macht. Sondern dass Räume schließen müssen. Da hängen Existenzen dran. Die Kürzungen treffen genau diese Räume am stärksten, die kritisch und identitätsstiftend sind. Solche Räume, die Kunst, Inklusion und Soziales ermöglichen und auch zusammendenken. Das sind Bereiche, die die Gesellschaft tragen. An diesen Stellen zu kürzen, wird langfristig gesellschaftspolitisch und für Berlin sehr schmerzhaft sein. Die Bereiche, in denen jetzt schon gekürzt wird, sind häufig solche, in denen eben kritische oder mehrfach marginalisierte Menschen arbeiten. Wie jetzt schon politisch in Förderungen eingegriffen wird, ist ein riesiges Problem. Unabhängige Jurys sind nicht aus Spaß unabhängige Jurys. Es hat einen Grund, warum Kunst von unabhängigen Jurys mitbeurteilt und gefördert wird.

Wo sehen wir das gerade schon?

Wir sehen das gerade schon an vielen Stellen. Wir haben es bei dem Buchhandlungspreis gesehen oder jetzt auch mit der Hauptstadtkulturfonds-Juryentscheidung, bei dem ebenfalls über Eingriffe in die Kunstfreiheit gesprochen wird. Das wird einer unabhängigen Juryentscheidung nicht gerecht und muss kritisiert werden.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Wir müssen künstlerische Prozesse einfach verstetigen. Anstatt Förderungen zu kürzen, müsste man eigentlich dafür sorgen, dass Künstler:innen nicht so krass prekär arbeiten, wie es gerade der Fall ist. Dafür muss die Erwartung schwinden, dass diese selbstausbeuterische Praktik immer weitergeführt wird. Ich muss von meiner Kunst leben können. Es ist problematisch, dass immer angenommen wird, wenn ein Job eine Leidenschaft ist und etwas, was eine Person gerne macht, dass dieser nicht bezahlt werden muss. Weil Wohnungen müssen eben immer noch bezahlt werden. Das trifft übrigens Jobs im Sozialen Bereich genauso. Es braucht Anerkennung für diese Arbeit, weil sie eben eine Stadt und ein Miteinander auch lebenswerter macht.

Linnéa Meiners und Clara Herrmann

2024 haben wir mit Linnéa über Kunst, Ableismus und das Crip Movement gesprochen. Mehr zu Kunst und Design gibt es auch hier.

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