Es ist vier Uhr in der Nacht, als Stallhelfer Lutz* aus dem Schlaf gerissen wird. Unruhiges Wiehern dringt zu ihm hinauf in sein Dachgeschosszimmer. Er schaut aus dem Fenster. Im fahlen Licht des Nachthimmels sieht er eines der Pferde auf dem Hof grasen: den weißen Hengst Tupac. Er ist blind, sein rechtes Auge ist nur eine leere, sanfte Kuhle ohne Augapfel, sein linkes ist gelb. Lutz eilt hinaus. Das Tier hat den Hof bereits durch das große Eingangstor verlassen und befindet sich auf einem Weg Richtung Dorfkern.
In Schlangenlinien nähert sich das blinde Pferd einer Böschung, hinter der das Gelände vier Meter tief in ein Bachtal abfällt. „Ich drehe mich einfach um und gucke nicht hin“, ist ein Gedanke, der Lutz in diesem Moment durch den Kopf geht, wie er später sagen wird. Doch er entscheidet sich anders, geht auf das Pferd zu und versucht es mit seinen Händen einzufangen. Je näher er kommt, desto weiter entfernt sich Tupac und steuert immer wieder gefährlich nah auf den Abhang zu. Plötzlich biegt das Pferd vom Weg ab, Richtung eines Erdbeerfeldes. Es senkt den Kopf und beginnt auf einer taunassen Wiese vor dem Feld zu grasen. Lutz steht verschwitzt und keuchend neben dem blinden Pferd, das die nassen Grashalme aus dem Boden zupft, als wäre nichts geschehen. 45 Minuten dauert es, bis er Tupac eingefangen hat. „Seine Besitzerin wäre tot umgefallen, wenn sie das gesehen hätte“.
Dieser außergewöhnliche nächtliche Einsatz fällt in Lutz Verantwortungsbereich. Lutz ist Stallhelfer und er wohnt auf dem Pferdehof auf dem er arbeitet. Neben seinen Routineaufgaben muss er im Zweifel auch nachts aufspringen wenn eines der Tiere in Gefahr ist. Eine Arbeit die mit großer Verantwortung und körperlicher Belastung einhergeht, meistens schlecht bezahlt.

Stallhelfer, der unsichtbare Beruf
Lutz ist 65 Jahre alt und arbeitet seit seiner Jugend als Stallhelfer auf unterschiedlichsten Pferdehöfen in Deutschland und im Ausland. Wie viele Menschen diesen Beruf in Deutschland ausüben, lässt sich nicht genau sagen. StallhelferInnen werden in der amtlichen Statistik nicht als eigene Berufsgruppe erfasst. Viele arbeiten als ungelernte Kräfte, in Teilzeit, auf Minijobbasis oder in informellen Arbeitsverhältnissen und tauchen deshalb gar nicht oder nur indirekt in den Zahlen der Arbeitsmarktstatistik auf. Dabei ist die Branche, in der sie arbeiten, alles andere als klein. Insgesamt leben in Deutschland schätzungsweise 1,25 Millionen Pferde, rund 600.000 Haushalte besitzen ein Pferd. Die meisten dieser Pferde stehen nicht auf privaten Weiden, sondern in Pensions- oder Einstellbetrieben. Laut Schätzungen gibt es ungefähr 10.000 Pferdebetriebe in Deutschland. Wenn man von im Mittel ein bis drei HelferInnen pro Betrieb ausgeht, ist man schnell bei 10.000-30.000 aktiven StallhelferInnen in Deutschland.
Doch auch gewerkschaftliche Vertretung gibt es nur begrenzt. So bleiben die häufig prekären Arbeitsbedingungen und fehlende soziale Absicherung weitgehend unsichtbar.
Laufbahn und Verdienst
Lutz‘ Laufbahn als Stallhelfer beginnt mit fünfzehn auf dem Hof seiner Tante in Spandau. Später zieht es ihn nach Österreich, dann auf einen Hof bei Hamburg. Abgelegen zwischen Wald und Heide, versorgt er dort im Jahr 2011 fünfzig Pferde eines millionenschweren Immobilienmaklers. Er ist allein für die Tiere verantwortlich. Sein Arbeitsrhythmus: drei Wochen ohne freien Tag, Arbeitsbeginn um fünf Uhr morgens, Feierabend oft erst gegen 21 Uhr, danach eine Woche frei. „Es war der beste Verdienst, den ich je hatte“, erzählt Lutz — 2.000 Euro brutto im Monat. Auch heute ist die Bezahlung vergleichsweise niedrig. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit lag das mittlere Bruttomonatsgehalt von HelferInnen in der Nutztierhaltung in 2024 bei 2.451 Euro, wobei ein Viertel unter 2.178 Euro pro Monat verdiente.
Nach einem halben Jahr Arbeit auf dem Hamburger Hof saß Lutz eines Abends erschöpft auf seinem Sofa und habe Stimmen gehört: „Hau‘ ab Lutz, haben sie gesagt, hau‘ ab!“ Also packte Lutz seine Sachen und ging. So kam er vor 15 Jahren zu dem Hof, wo ich ihn diesen Winter kennengelernt habe, direkt an der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg. Denn im November 2025 war auch ich einmal kurz Stallhelferin – in einem recht informellen Arbeitsverhältnis.

Alltag auf dem Hof
Ich stehe vor einer langgezogenen Koppel, links und rechts von mir zwei große schwarze Pferde. Auf der Koppel grast bereits ein drittes. Ich öffne das Gatter und schnalle die beiden ab. Sofort schießen sie wie von der Tarantel gestochen auf das dritte Pferd zu, welches nun aufgeregt hin und her galoppiert. Die falsche Koppel. „Ich habe gleich drei Pferde auf dem Gewissen“, denke ich. Sie werden sich, wie Nele*, eine weitere Stallhelferin des Hofes, mir über streitende Pferde erzählt hat, gegenseitig auf die Schienbeine treten, ihre Beine brechen und dann wird man sie einschläfern müssen. „Einschläfern? Gibt es da keine Behandlungsmethode?“ habe ich sie gefragt. „Behandlungsmethode, Schätzchen, wie soll’n dit aussehn? So im Stall hängen, mit Jipsbeinchen? Die jehn doch ein. Nee, die werden direkt einjeschläfert.“
Die drei rennen aufeinander zu, doch statt auszuschlagen, tänzeln sie umeinander herum. Ich laufe hinterher, treibe die beiden Schwarzen zurück zum Gatter. Ein kurzer Blick über die Schulter, ob mich jemand bei diesem Manöver gesehen hat. Niemand. Zaumzeug drüber und runter von dieser Koppel. Dieser Job ist nicht einfach.
Stallhelfer: Einer der ältesten Berufe der Welt
Es ist Anfang November, 6 Uhr am Morgen meines vierten Tages auf dem Pferdehof. „Fast 50 Pferde sind hier untergebracht“, hatte mir die Hofbesitzerin nicht ohne Stolz am Telefon gesagt. Die meisten gehören PrivatbesitzerInnen, einige einer kleinen Reitschule. 33 der Pferde sind sogenannte Pensionspferde. Für sie werden die anstrengenden Aufgaben, die zum Besitz von Pferden dazugehören und weit über das Ausreiten und Striegeln hinausgehen, von zwei bis drei Stallhelfern übernommen. Also: Ställe ausmisten, Pferde täglich auf die Koppel bringen und wieder reinholen, füttern, die Zäune kontrollieren und den Hof und die Stallungen in Ordnung halten. Es ist ein Beruf, der sich seit der Domestizierung der ersten Pferde vor rund 5.000 Jahren wenig bis gar nicht verändert hat. Man kann also sagen, es ist einer der ältesten Berufe der Welt.

Ich trage drei Pullover unter meiner Jacke, es ist eiskalt, und die Sonne wird bald aufgehen. Lutz kommt gerade um die Ecke, links und rechts von sich je ein Pferd. Er trägt eine dunkle Jacke und seine Jeans sieht mit ihren ausgebleichten Scheuerstellen aus, als wäre sie used look, aber tatsächlich ist sie achtzehn Jahre alt und wird alle paar Jahre von einem Schneider im Nachbardorf geflickt. Er geht zielstrebig, aber ohne Eile. Nele ruft ihm zu, dass der Zaun der hinteren Koppel schon wieder kaputt sei. Gemeinsam bringen wir die restlichen Pferde hinaus und machen danach eine kurze Raucherpause im Aufenthaltsraum. In der Ecke spannt sich ein kelchförmiges Spinnennetz, in das Lutz und Nele ihre Zigaretten reinschnipsen wie in einen Basketballkorb.
Zwölf Ställe bis Mittag
„Das Vertrauen der Pferde ist sehr wichtig, wenn du das nicht hast, kannst du nicht viel machen“, sagt Lutz. „Bei manchen Pflegern kannst du beobachten, dass die Tiere wegspringen, bei mir kommen sie angelaufen, wenn die Stalltür aufgeht“. Lutz macht den Beruf „nicht für das Geld, dafür ist es zu schwer und zu viel“, er macht es wegen der Pferde, er sei „immer für die Pferde eingesprungen“. Die Pause dauert nur wenige Minuten. Lutz steht auf, „Woll mer mal“, sagt er. Zeit zum Ausmisten. Zwölf Ställe bis zum Mittag sollen es sein. Anschließend wasche ich mit Lutz ein paar Wassertröge, bevor wir Mittagspause machen. Ich schaue zu den Koppeln. Sie werden von hölzernen Lattenzäunen begrenzt, an denen lose Stromlitzen hängen, die schon lange nicht mehr unter Spannung stehen. Die Holzlatten sind übersät mit Bissspuren der Pferde, einige Bretter bereits durchgebrochen. Die Pferde stehen ganz ruhig, die Hufe angewinkelt, den Kopf in die Mähne des anderen gelegt. Als letzte Aufgabe bringen Lutz und ich um 13.30 Uhr die Pferde wieder in ihre Ställe.
Beschimpfungen, uneingehaltene Verabredungen, Drohungen
Die Stimmung auf dem Hof ist seit langem nicht besonders gut. „Keiner der Pferdebesitzer traut sich mehr zu ihr hoch“, sagt Lutz, er meint die Eigentümerin. Regelmäßige Beschimpfungen, nicht eingehaltene Verabredungen und sogar Drohungen sind an der Tagesordnung. „Kein Umgang“, sagt Lutz. Auch ich mache ähnliche Erfahrungen, es gibt unklare Absprachen zur Arbeitszeit, Vereinbartes scheint wieder vergessen, und das Gehalt wird auch mal nicht korrekt ausgezahlt. Schnell wurde mir zudem gesagt, ich solle meine Effizienz steigern. Mehr Ställe in der gleichen Zeit.
Nach vier Wochen kommt Ramiz auf den Hof, ein neuer Stallhelfer. Er ist in Syrien aufgewachsen, wo er eine eigene Pferdeherde besaß, bevor er nach Deutschland floh. Er arbeitet extrem effizient und telefoniert beim Stallausmisten über ein Headset mit seiner Familie in Syrien. Am Ende meines zweiten Arbeitstages seit seiner Ankunft läute ich an der gusseisernen Türglocke mit dem Pferdekopf darauf. Die Besitzerin öffnet und gibt mir meinen Wochenlohn, wie immer bar auf die Hand: „Du musst nicht mehr wiederkommen. Wir brauchen dich jetzt nicht mehr.“ Ich denke an Ramiz und verstehe.

Was bleibt
Einige Monate später. Es ist Mai. Lutz ist mittlerweile in Rente und arbeitet nicht mehr als Stallhelfer auf dem Hof. Wir gehen noch einmal gemeinsam über die Anlage. Die meisten Boxen stehen leer. Zum Jahreswechsel gab es einiges hin und her, zwischenzeitlich sollte der Hof verkauft werden, die meisten Besitzer haben ihre Pferde umquartiert. Tupac ist noch da, der blinde Schimmel.
Lutz hat für diesen Ort nur noch Zynismus übrig. Er rüttelt an einer sperrigen Tür im Vorbeigehen. „Schau“, sagt er, „alle Türen sind immer zu!“. Ein paar Meter weiter liegen frische Zaunpfosten im Gras. „Schau, neue Zaunpfosten, die reichen auf jeden Fall. Nächste Woche ist alles fertig!“.
Den Morgen mochte er am liebsten auf dem Hof. Den Sonnenaufgang. „Dann habe ich über die Weide geguckt, wie die rumgerannt sind, die Sonne dunkelrot, das hat für einiges entschädigt, bevor das erste Geblöke anfing.“
Was das Schwierigste an der Arbeit als Stallhelfer ist, sagt Lutz, „dass sie so stupide ist, es ist immer das Gleiche. Kurz bevor du eingestellt wurdest im Winter, gab es eine Zeit, da haben Nele und ich sechs Wochen lang durcharbeiten müssen, weil kein anderer mehr da war. Das hat mir fast das Genick gebrochen“.

Minijob Stallhelfer
Fünfzehn Jahre hat Lutz auf diesem Hof gearbeitet. Auf Minijobbasis, die Stunden darüber hinaus bar auf die Hand. Sein ganzes Leben hat er gearbeitet, jetzt erhält er 600 Euro Rente im Monat. Er ist abhängig von Sozialleistungen und arbeitet noch an zwei bis drei Tagen in der Woche auf einem anderen Pferdehof und in einer Gärtnerei.Er wohnt immer noch in der kleinen Dachgeschosswohnung über der Pferdehofbesitzerin. Als er noch auf dem Hof arbeitete, musste er für die Wohnung keine Miete zahlen, nun geht das Wohngeld an die Besitzerin des Hofs. Das ist die ganz reale Konsequenz von fünfzehn Jahren in informellem Arbeitsverhältnis – ohne ArbeitnehmerInnenschutz. “Selber schuld”, sagt Lutz. Er ist jetzt auf Wohnungssuche, er will so schnell wie möglich weg. Wenn er ausgezogen ist, sagt er, werde er „nie wieder einen Fuß hier draufsetzen“. Warum er trotzdem so lange geblieben ist? Lutz schaut kurz zu den Pferden hinüber, als läge die Antwort dort auf der Weide. „Was hätten die denn ohne mich gemacht?“, sagt er. „Wer hätte sich um die Pferde gekümmert?“
Nach dem Knochenjob
Lutz geht sehr langsam und hinkt etwas. Er sei „oft angeschossen worden“, also von einem Huf geschlagen, sagt er und fängt an, aufzuzählen: Auf seiner Nase ist ein Kopf eines Pferdes gelandet, auf seinem Kiefer ein Huf, eine Rippe wurde ihm gebrochen, beim Hufeisenwechseln. Dazu kommen ein Leistenbruch, Kapselrisse vom Logieren, eine gerissene Bauchdecke vom vielen Heben und sowieso immer sein schmerzender Rücken, wegen dem er manchmal kaum aus dem Bett kommt. „Und Füße!“ Fällt ihm noch ein. Als er seine ersten Pferde mit 15 Jahren auf die Koppel gebracht hat, tat er das barfuß, zuerst stieg ihm ein Pferd auf den rechten Fuß und kurze Zeit später auf den linken, „zum Glück Sandboden“, sagt Lutz. Seitdem trägt er Schuhe mit Stahlkappen. Ich schaue an ihm herunter. Heute sind es Crocs. Wir schlendern noch ein bisschen gemeinsam die Straße hinunter Richtung Dorfkern. Eine ehemalige Kollegin fährt mit ihrem Auto an uns vorbei, fährt das Fenster runter und ruft, “genieß deinen Rentnertag, Lutz!”

Hinweise
*Namen geändert.
Fotos: Maya Uma Sehmer
Der Artikel erscheint im Rahmen unseres Open Calls für FLINTA*, gefördert durch Filia. Die Frauenstiftung bei redaktioneller Unabhängigkeit.


