Vegas, baby? Nicht ganz. Die Spielhölle der Ostküste der USA heißt Atlantic City – und wird von den einen als „Vegas der kleinen Leute“ bezeichnet und von anderen als korrupte Geisterstadt. Sie ist kleiner als Las Vegas, die Spieleinsätze sind niedriger – und obwohl sie in Film und Fernsehen immer mal wieder eine Rolle spielt, wird die Stadt medial regelmäßig totgesagt. Und während die besten Tage definitiv hinter der Casino-Stadt Atlantic City liegen, ist es falsch, ihre symbolische Relevanz zu unterschätzen. Denn Glücksspiel boomt noch immer – obwohl es sich verändert. Heutzutage ist „das Casino in unserem Telefon“, sagt Suchtexperte Dr. Timothy Fong – und nicht mehr in verrauchten Hotelkellern am Atlantik. Ein Besuch in Atlantic City zwischen Leerstand und Verherrlichung, Hedonismus und Perspektivlosigkeit.

Eskapismus und Grenzgewerbe in die Wiege gelegt
Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Atlantic City nur rund 250 Menschen. Dann kam die Eisenbahn aus Philadelphia – und 1910 waren es bereits über 46.000. Heute sind es 38.000, Tendenz sinkend. Als Strandort in Großstadtnähe lässt sich der damalige Boom als Tourismusort gut nachvollziehen. Schnell entstanden der weltberühmte Boardwalk, der bis heute eine Strandpromenade mit Imbissen und Einkaufmöglichkeiten ist und hunderte Hotels.
Den ersten großem Kontakt mit Korruption und Illegalität erlebte Atlantic City mit Enoch „Nucky“ L. Johnson, der das organisierte Verbrechen in den Küstenort brachte. Während der Prohibition sorgte er über politischen Einfluss dafür, dass Alkohol in Atlantic City weiterhin ausgeschenkt wurde. Hinzu kamen Geschäfte mit Glückspiel und Sexgewerbe. Zwischen 1926 und 1933 kamen nach historischen Schätzungen rund 40 Prozent des in den USA illegal ausgeschenkten Alkohols in und um Atlantic City ins Land.





Rettungsanker Casinos
1976 stimmten die Bewohner:innen des US-Bundesstaates New Jerseys dafür, Glücksspiel in Atlantic City zu legalisieren – und zwar ausschließlich dort. Denn auch in den 70er Jahren galten die besten Jahre Atlantic Citys als bereits vorbei. Urlauber, die sonst aus den naheliegenden Philadelphia oder New York City kamen, entschieden sich für mittlerweile erschwinglicher gewordene Flugreisen, die sie weiter wegführten. Viele Hotels wurden geschlossen, viele historische Gebäude abgerissen. 1978 eröffnete mit dem Resorts International das erste Hotel und Casino, das bis heute existiert. Das tun aber nicht mehr alle. Der heutige US-Präsident Donald Trump war nur einer von vielen, die sich an der Glücksspielindustrie in Atlantic City versuchten und an ihr scheiterte. Trump selbst setzte alle seine Unternehmungen in Atlantic City in den Sand: Trump Plaza, Trump Castle und das Trump Taj Mahal machten dicht. Letzteres – einstmals von ihm als „8. Weltwunder“ bezeichnet, ist heute ein Hard Rock Café. Natürlich inklusive Casino.


Atlantic City Geisterstadt?
Einige Hotels und Casinos wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geschlossen, wiedereröffnet, umbenannt, verkauft oder abgerissen. Einige stehen als Ruinen am Boardwalk seit vielen Jahren leer. Andere sind seit Jahrzehnten erfolgreich, unter ihnen das „Tropicana“ – ein Hotelbunker mit fünf Hoteltürmen, Restaurants, einem Kino, einem Escape-Room, 2.400 Zimmern und natürlich einem massiven Casino im Keller. In einigen Casino-Abschnitten darf geraucht werden, in anderen dürfen Kinder ihre Eltern begleiten. In keinem gibt es Tageslicht. Wer es drauf anlegt, muss das Tropicana den gesamten Aufenthalt lang nicht verlassen. Das Tropicana ist dabei eins von den derzeit existierenden neun Casinos, die dazu beitrugen, dass die Atlantic City-Casinoindustrie im Jahr 2024 5,7 Milliarden Dollar Spieleinnahmen verzeichnete – mehr als je zuvor. Im Jahr 2025 waren es sogar knapp sieben Milliarden.


Wirtschaft und Widersprüche
Von den Einnahmen wurden allerdings nur rund 2,8 Milliarden Dollar aus den physischen Casinos erzielt. Der Rest stammt aus Sportwetten und dem prozentual wachsenden Einfluss von Online-Gambling. Das überführt eine sowieso schon undurchsichtige Branche in noch weitere Intransparenz, von der nicht einmal mehr die arbeitende Bevölkerung in Atlantic City profitiert. Sondern, wie in Gewerben wie dem Glückspiel eben üblich, die wenigen, denen die Casinos gehören. In der Stadt stehen heute also rund 1.000 Gebäude leer, auch auf dem Boardwalk sind mit Brettern vernagelte Fassaden ein häufiger Anblick. Während einige wenige durch die Casinos Milliardäre werden, lebt ein Drittel der Bevölkerung der Stadt unterhalb der Armutsgrenze. Zum Vergleich: Im Rest des Bundesstaats New Jersey liegt die Armutsquote bei knapp 10 Prozent. Rund die Hälfte der Kinder in Atlantic City gelten als arm, Atlantic City ist insgesamt eine der ärmsten Städte New Jerseys. Ein besonders perfides Problem, in einer Stadt, die über Glück schnelles Geld verspricht.





Wohin steuert Atlantic City?
Tot ist Atlantic City noch lange nicht – nur gebeutelt von intransparenten Industrien, die abhängig machen und zu wenig Steuern für Reformen zahlen. Gebeutelt von korrupten Politikern und ihren Entscheidungen und von Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell gezielt darauf aufbauen, den Menschen zu schaden, während sie selbst daran verdienen. Hört man sich um, so vernimmt man, dass die Bewohner:innen und Besucher:innen unterschiedliche Ideen haben, um die Stadt wieder zu einer lebenswerten zu machen. Der Tenor: Endlich raus mit dem Glückspiel und den weltberühmten Boardwalk zu einem familienfreundlichen Urlaubsziel machen. Bleibt zu hoffen, dass jemand in einer entsprechenden Position sich traut, einen solchen Schritt zu machen.




