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Die Nacht, in der ich über meine Zukunft entschied: Als vietnamesischer Vertragsarbeiter in der DDR

1988 kommt ein 28-jähriger Vietnamese als Vertragsarbeiter in die DDR. Herr Luu ist einer von 60.000 bis 70.000 vietnamesischen Vertragsarbeitern, die diesen Schritt in den 1980er Jahren machen. Eigentlich will er nur fünf Jahre lang bleiben, Geld verdienen und anschließend nach Hause zurückkehren. Doch der Fall der Mauer, die deutsche Wiedervereinigung und ein unsicherer Aufenthaltsstatus verändern seinen Lebensweg grundlegend. Im Gespräch mit seiner Tochter blickt er auf die Hoffnungen, Ängste und Entscheidungen zurück, die ihn schließlich dazu brachten, in Deutschland zu bleiben.

Papa, wie fing dein Kapitel Deutschland an?

Ich habe damals als Security-Mann für eine Textilfirma in Ho Chi Minh Stadt gearbeitet. Dort sah ich eine Anzeige, um als Vertragsarbeiter nach Deutschland zu gehen. Zu dem Zeitpunkt war ich 28 Jahre alt.

Wieso wolltest du nach Ostdeutschland?

Nach dem Krieg gab es in Vietnam nichts zu holen. Es war die Phase, in welcher jegliche Lebensmittel und Stoffe vom Staat rationiert wurden. Meine Jugend lag bereits hinter mir, ich war noch unverheiratet und wollte mein Glück woanders suchen. Als die DDR in den 1980er Jahren mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen hatte, schloss sie Anwerbeabkommen mit mehreren sozialistischen Staaten. Eines davon bestand mit Vietnam. Zehntausende Vietnamesen kamen als sogenannte Vertragsarbeiter in die DDR und arbeiteten vor allem in der Industrie. Ich dachte, in der DDR kann ich am meisten Geld verdienen.

Stand damals schon der Plan, dauerhaft in der DDR zu bleiben?

Die Verträge waren auf fünf Jahre angesetzt. Ich hoffte, in dieser Zeit genug Geld zu verdienen und mit der Arbeitserfahrung aus dem Ausland in Vietnam einen besseren Job zu finden.

Doch es kam offensichtlich ganz anders.

Ja (lacht). So ging es vielen von meinen damaligen Kollegen. Es verging auch nur ein Monat, bis wir bereits mit dem Flugzeug in der DDR landeten. Davor mussten wir noch einen Gesundheits-Check durchlaufen. Auch das Rote Kreuz kam einmal für einen Kulturabendvorbei, um uns auf Deutschland vorzubereiten.

Was hat euch als Vertragsarbeiter dann hier erwartet?

Erstmal mussten wir irgendwie ankommen. Das erste Mal Fliegen war schon sehr aufregend. Ich besaß davor keinen Reisepass, wo sollten wir auch hin? Mir wurde einer von den Verantwortlichen erstellt, den habe ich aber nie mit eigenen Augen gesehen. Die wollten nicht, dass wir mit denen abhauen. Auch bei einem Zwischenstopp in Pakistan wurden wir von Menschen mit Gewehren begrüßt. Die hatten auch Angst, dass wir als „Sozialisten“ irgendwelche Fluchtversuche planen. Als wir in Berlin Schönefeld ankamen, wurden wir mit Bussen nach Gera gefahren. Im Bus bekamen wir ein halbes Hähnchen und Brot zu essen, das hat auf uns in Deutschland gewartet.

Sicherlich auch eine Menge an Arbeit?

Im ersten Monat mussten wir nur Deutschkurse besuchen. Außerdem haben wir auch 100 Ostmark bekommen, um warme Kleidung zu besorgen. Es waren auch immer ein Dolmetscher und ein Arzt da. Erst nach einem Monat habe ich die Arbeit als Produktveredler aufgenommen.

Das sollte ungefähr im Jahr 1988 gewesen sein, wenn ich mich richtig erinnere. War dir damals bewusst, dass die Wende wenig später kommen wird?

Ich hatte die Proteste im Westsender gesehen. Damals interessierte mich das nicht, ich dachte, das sollen die Deutschen unter sich klären. Ich bin ja nur zum Arbeiten da und dann auch bald wieder weg. Als die Mauer wirklich fiel, bin ich nach Berlin gefahren, um mir das mal anzuschauen. Spannend war das, aber ich war gerne in der DDR. Unsere Chefs dort meinten, dass wir uns keine Sorgen wegen unseren Verträgen machen sollten. Trotzdem sollten wir uns darauf vorbereiten, uns beim Arbeitsamt zu melden.

Welche Gefühle waren in diesem Prozess involviert?

Ich hatte keine Angst, im Zweifel nach Vietnam zurückkehren zu müssen. Dennoch war ich sehr unzufrieden mit der Situation, da ich kaum Geld ansparen und auch keine wertvollen Gegenstände zurückbringen konnte. Als wir dann schon ein paar Jahre vor Vertragsende vor die Wahl gestellt wurden, ob wir in Deutschland bleiben oder mit 3000 DM nach Vietnam zurückkehren, kamen mir die ersten Zweifel. In Deutschland konnte man nur bleiben, wenn man eine Arbeitsstelle hatte. In Vietnam hatte ich Angst, keine Arbeit zu finden. Schließlich war ich zu dem Zeitpunkt auch schon Ende zwanzig. Ich wollte zuerst gehen, entschied mich dann doch einmal um und blieb. Die ganze Nacht wälzte ich mich im Schlaf und fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich wollte aber noch mehr Geld verdienen und dann erst nach Vietnam zurückkehren.

Welcher Arbeit bist du dann nachgegangen?

Es gab einen deutschen Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Vietnamesen, die bleiben, Arbeit zu finden. Er hat mir einen Job bei einer Gebäudereinigung in München vermittelt. Das Jahr 1993 war ein schweres Jahr für vietnamesische Vertragsarbeiter, die Briefe der Ausländerbehörde stapelten sich. Sie wollten uns loswerden. Wir konnten mit einem Anwalt in Berufung gehen. Dorthin ging aber auch mein ganzes Erspartes. Ein paar Monate später beschloss die Regierung, dass wir bleiben durften.

Wie kamst du in Westdeutschland zurecht?

Im Gegensatz zum zerstörten Vietnam war die BRD natürlich Luxus pur, jedenfalls in der Theorie. Auf einmal kam aber eine ganz neue Angst, die ich in der DDR nicht kannte: die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Auch meiner Freizeit trauerte ich nach. In der DDR hatten wir nach der Arbeit noch Zeit, um in die Disko zu gehen. Da kamen sogar deutsche Mitglieder der FDJ vorbei und wir genossen den Feierabend gemeinsam. In Westdeutschland war und ist alles irgendwie einsamer. Es gab für uns auch keinerlei Unterstützung vom Staat, wir mussten alles selbst stemmen und uns gegenseitig unterstützen.

Hast du in den 90ern Erfahrungen mit rassistischen Überfällen gemacht?

Mein enger Freund wurde in einer Kneipe von Skinheads bewusstlos geschlagen. Ohne zu viel zu erzählen, waren uns diese Situationen nicht fremd. Wir haben uns gegenseitig gewarnt und beschützt.

Wie ist es genau dazu gekommen, dass du dich entschieden hast, dauerhaft in Deutschland zu bleiben und sogar eine Familie zu gründen?

Nachdem mein ganzes Erspartes für den Anwalt draufging, wusste ich, dass ich noch lange in Deutschland arbeiten muss, um mir etwas anzusparen. Da ich auch immer älter wurde, war mir damals schon klar, dass ich hier bis zum Rentenalter bleiben werde. Dementsprechend war es für mich auch klar, dass ich in Deutschland eine Familie gründen werde. In Vietnam war es selbstverständlich zu heiraten und Kinder zu bekommen. Da habe ich gar nicht größer darüber nachgedacht, schließlich geht es bei der Entscheidung nicht nur um mich, sondern um meine ganze Familie. Es wurde einfach erwartet, dass man irgendwann heiratet und Kinder bekommt. Das gehörte für mich ganz selbstverständlich zum Leben dazu.

Würdest du sagen, du hast damals die richtige Entscheidung getroffen, hier in Deutschland zu bleiben?

Manche Menschen warten ihr ganzes Leben auf ein besseres Leben. Sie kommen nach Deutschland und dürfen jahrelang nicht arbeiten, sie warten und warten, während ihre Zeit an ihnen vorbeizieht. Während mein Aufenthaltsstatus in der Schwebe lag, arbeitete ich wie verrückt, um den Anwalt zu bezahlen. Die Zeit und das Geld sehe ich nie wieder. Aber ich habe meine Entscheidung in Deutschland zu bleiben, nie bereut. Was hätte ich denn sonst stattdessen machen sollen? Mittlerweile weiß ich aber, dass ein höherer Lohn nicht unbedingt ein besseres Leben ermöglicht. Hier arbeitest du so viel und hast am Ende trotzdem kein Geld übrig. Dazu hast du auch keine Zeit mehr, um das Leben richtig zu genießen. Ich schätze meine Jahre in Deutschland, vor allem die Zeit in der DDR und trotzdem spiele ich mit dem Gedanken, eventuell doch irgendwann nach Vietnam zurückzukehren, weil die Rente einfach nicht reicht. Mein Leben war immer geprägt von Arbeit, es soll wieder seinen Weg zu Familie und Freizeit finden dürfen.

Wie stehst du zur deutschen Politik aktuell?

Meine Meinung und Perspektive lassen sich nur international formulieren. Die Politik in Deutschland spielt nicht plötzlich verrückt, sie macht genau das, wofür sie geschaffen wurde. Der Wohlstand wächst für die oberen Prozente, während uns Sozial- und Gesundheitssystemkürzungen auferlegt werden. Während wir normalen Menschen jeden Tag härter schuften müssen, verdienen sich die Reichen an Kriegen dumm und dämlich. Ich könnte viel dazu sagen. Das ist aber auch die Aufgabe von euch jungen Menschen.

Mehr zum Thema Ankommen gibt es zum Beispiel auch hier.


Der Artikel erscheint im Rahmen unseres Open Calls für FLINTA*, gefördert durch Filia. Die Frauenstiftung bei redaktioneller Unabhängigkeit.

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