Die Fähren aus Neapel schneiden durch die Sommerhitze, bevor sie Touristen auf eine Insel entlassen, die genau wie eine Postkarte aussieht. Ventotene ist kaum drei Kilometer lang, vulkanisch und windgeplagt. Es scheint nicht wie ein Ort, der die Geschichte verändert hat. Aber hier entwarfen zwei Männer 1941 unter Diktator Mussolinis Hausarrest einen Entwurf für ein föderales, demokratisches Europa. Sie stellten eine Frage, die Europa bis heute nicht los wird: Wie überwindet man die absolute Souveränität der Nationalstaaten und die Probleme, die sie mit sich bringen?
Europas autoritäre Tendenzen
Und die Frage könnte aktueller nicht sein: Im April 2026 endete in Ungarn eine sechzehnjährige Ära des Souveränitätskampfes. Staatschef Viktor Orbán, der über Jahre schleichend demokratische Kontrollmechanismen einschränkte, verlor die Macht. Auf den Straßen von Budapest feierten Menschen bis in die Nacht. Und doch: Orbáns Partei Fidesz hat sich tief in Ungarns Institutionen, Medien und zivilgesellschaftlichen Netzwerken eingenistet. Der „Orbánismus“, wie Analyst Georgios Samaras es nennt, könnte auch ohne Orbán bestehen.
Ungarn war kein Einzelfall. Wenige Wochen nach Orbáns Abwahl wählte Bulgarien Rumen Radev zum Ministerpräsidenten, einen ehemaligen Präsidenten, der für seine euroskeptischen Positionen und seine Sympathie für Moskau bekannt ist. In der Slowakei und der Tschechischen Republik kamen antieuropäische Parteien bei den Wahlen in 2023 und 2025 wieder an die Macht. Spinelli und Rossi, die Verfasser des Manifests von Ventotene, hatten dafür 1941 einen Namen: Der patriotische Impuls, die verbreitetste aller Volksempfindungen, schrieben sie, sei „am tiefsten verletzt, am leichtesten für reaktionäre Zwecke nutzbar.“



Ventotene: Touristische Idylle und bewegte Geschichte
Der Originaltext des Manifests ist in der Buchhandlung L’Ultima Spiaggia auf dem Hauptplatz von Ventotene zu finden. Es liegt in einem mit Büchern vollgestellten Raum, dessen Tür in der Hitze halb offen steht. Das Manifest liegt dort, leicht in die Hand zu nehmen – und zu übersehen. Aber nicht nur Touristen lassen es ungelesen. Am 19. März 2025 warf die rechtspopulistische Premierministerin Giorgia Meloni im römischen Abgeordnetenhaus ihren Kritikern vor, den Text offenbar nie wirklich gelesen zu haben, sonst würden sie es nicht unterstützen.
Die Insel selbst verrät über das Manifest und seine Geschichte wenig. Eine salzgebleichte Bank mit kaum noch erkennbaren EU-Sternen, dahinter das Meer. Wieder dahinter Santo Stefano und die geschwungenen Mauern des Panoptikon-Gefängnisses, in dem das faschistische Italien seine Feinde verwahrte. Das Gefängnis wird restauriert; die italienische Regierung hat viele Jahre und beträchtliche Mittel damit verbracht, einen Ort des Leidens in das zu verwandeln, was die Pläne eine “Schule der höheren Gedanken” nennen. Touristen setzen zum kurzen Bootsausflug über, halten inne, schauen und ziehen weiter.



Was sie weniger wahrscheinlich erfahren werden, ist, dass die Baracken der ‚Cittadella‘ auf Ventotene, in denen Spinelli, Rossi und die anderen antifaschistischen Gefangenen tatsächlich lebten, in den 1980er Jahren abgerissen wurden. Die Insel, die versucht hatte, damit ihren dunklen Ruf als Verbannungsort für Mussolinis Gegner abzuschütteln und Sommertouristen anzuziehen, riss sie nieder.
Im Mai 2022 verlieh die Europäische Kommission der Insel Ventotene und ihrer bewegten Geschichte das Europäische Kulturerbe-Label. Das Europäische Parlament erklärte sie im selben Jahr in einer Resolution zur moralischen Hauptstadt Europas.


Die Geschichte des Manifests
Der Text des Manifests selbst musste aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt werden. Spinelli und Rossi schrieben auf Zigarettenpapier. Ideen, die einen Kontinent prägen sollten, reisten eine Zeit lang möglicherweise sogar versteckt in einem Huhn. Sie wurden von den Besucherinnen Ursula Hirschmann, Ada Rossi und Spinellis Schwestern auf das Festland gebracht.
Hirschmann übersetzte den Text ins Deutsche und brachte ihn in Widerstandskreisen auf dem Festland unter. Ada Rossi ließ ihn in Bergamo von einer Partisanin namens Mimma Quarti abtippen – was zu ihrer Verhaftung führte. Eine gedruckte Ausgabe erschien schließlich Anfang 1944 in Rom, von Hand zu Hand gereicht unter erheblichem persönlichem Risiko. Die Frauen, die so zentral dafür waren, das Manifest zu verbreiten und übersetzen, tauchten nie namentlich auf ihm auf.


Erinnerungen wachhalten, Zukünfte gestalten
Nicht viele Inselbewohner:innen interessieren sich noch für diese Geschichte. Alessio Castagna ist eine Ausnahme. Der Filmemacher Mitte dreißig ist in Ventotene aufgewachsen und geblieben. Mit kulturellen Veranstaltungen versucht er, den Gemeinschaftssinn der Insel wiederzubeleben – auch im Bewusstsein ihrer Geschichte. Es ist, sagt er, schwieriger als es klingt. Für ihn liegt das Problem nicht darin, dass die Menschen vergessen haben. Sondern dass sie aufgehört haben, darüber nachzudenken, was es bedeutet. “Die Menschen hier haben keine Vision”, sagt er. “Es ist eine schöne Insel voller Touristen, die ‚schön, schön‘ sagen. Aber niemand fragt, was diese Geschichte heute werden könnte.”

Doch es gibt sie noch, diejenigen, die nicht nur für eine schöne Aussicht nach Ventotene kommen. Jeden Sommer reisen junge Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus auf die Insel, um am Ventotene-Seminar, einer politischen Sommerakademie zur europäischen Integration, teilzunehmen. Das Seminar ist von der föderalistischen Bewegung, die co-Verfasser des Manifests, Spinelli selbst mitbegründet hat, organisiert.
Filmemacher Alessio Castagnas Frust gilt jedoch hauptsächlich denen, die nie abgereist sind. “Viele Menschen kommen aus allen Teilen Europas, um diese Geschichte zu feiern”, sagt er. „Aber die Inselbewohner selbst haben das Bewusstsein dafür nicht mehr.” Es ist gewissermaßen eine lokale Version des Problems, welches das Manifest selbst benannt hatte: Dass die verbreitetsten Volksempfindungen auch die am leichtesten umlenkbaren sind. Castagna geht es um das Auseinanderbrechen der Gesellschaft, darum, was passiert, wenn wir Geschichte vergessen, nicht aktiv erinnern.
Die eigentliche Trennlinie in der Politik, schrieben Spinelli und Rossi im Manifest, verlaufe nicht mehr zwischen progressiven und reaktionären Kräften, sondern zwischen denen, die auf die Eroberung nationaler Macht zielten, und jenen, die in der „Schaffung eines soliden internationalen Staates“ die eigentliche Aufgabe sahen. Auf Ventotene zeigt sich diese Trennlinie darin, ob man die Geschichte der Insel bewahrt oder weiterdenkt.



Sich auf den Weg machen
Am späten Nachmittag schließt die Buchhandlung, die Wege leeren sich, und Touristen treiben zurück zu ihren Hotels. Die Gefängnismauern auf Santo Stefano fangen das letzte Licht ein. Die Bank mit ihren verblassten EU-Sternen schaut aufs Meer. Die letzte Zeile des Manifests lautet: “Der einzuschlagende Weg ist weder leicht noch sicher. Aber er muss beschritten werden und er wird es werden!”
Vergangene und kommende Wahlen in Europa und die veränderte politische Stimmung zeigen, dass das Manifest noch immer lebendig und wichtig ist – auch wenn es auf der Insel selbst fast vergessen wurde. Im Dezember 2025 unterzeichneten fast zweitausend europäische Politiker:innen, Intellektuelle und Aktivist:innen eine Erklärung, die ein föderales Europa forderten, darunter die Schriftsteller Slavoj Žižek, Javier Cercas und Robert Menasse. Es ist noch immer nicht klar, wer den Weg geht, aber manche schlagen ihn dennoch ein.


Der Artikel erscheint im Rahmen unseres Open Calls für FLINTA*, gefördert durch Filia. Die Frauenstiftung bei redaktioneller Unabhängigkeit.


