Straßenbahnen voller Fans, Schlangen vor Stadionkassen, Vereinsshops mit Rekordverkäufen – Frauenfußball ist auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft und hat schon jetzt Meilensteine erreicht, die lange nur Zukunftsvision waren. Und doch hängt über der Euphorie die Frage, ob es bestenfalls der Anfang einer sportlichen wie gesellschaftlichen Gleichberechtigungswelle ist, oder nur ein mediengetriebener Höhenflug mit Verfallsdatum.
Rekord um Rekord für den Frauenfußball
Die Zahlen und das damit einhergehende Interesse sprechen eine deutliche Sprache: Allein in der Saison 2023/24 stiegen die Stadionbesuche in den Top-Ligen Europas im Schnitt um rund 24 Prozent. Ebenso haben über 657.000 Menschen die diesjährigen Europameisterschaftsspiele in der Schweiz besucht, bei einem Schnitt von über 20.000 pro Spiel! Doch auch wenn die Bilder ausverkaufter Stadien und voller Kurven Eindruck hinterlassen haben, bilden sie alleinstehend leider noch kein langfristig selbsttragendes Modell. Es braucht eine zuverlässige Aufmerksamkeitsgrundlage, um interessierte Besucher:innen und mediale Sichtbarkeit nicht nur punktuell, sondern dauerhaft zu erreichen. Rekorde wie die 91.648 Zuschauer:innen beim Spiel FC Barcelona gegen den VfL Wolfsburg im Camp Nou, oder der deutsche Vereinsrekord beim Pokalderby zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen vor 57.000 Fans zeigen das Potenzial, für Sponsoren und TV-Dienste ist nachhaltige Struktur jedoch essentiell.


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Kulturwandel in der Kurve
Lange galt Frauenfußball als ruhiges Familienevent, ohne für die Koordination zuständige Capos, Fahnen oder Stimmungszentren. Mittlerweile haben sich jedoch aktive Gruppen gebildet und auch bestehende Szenen machen erste Supportschritte in Richtung Frauenmannschaft. Beispiele? Werder-Ultras, insbesondere die Gruppe Infamous Youth, zeigen regelmäßig kreative Präsenz, und auch im Dreisamstadion des SC Freiburg bekam man schon die ein oder andere Choreografie zu sehen. Überregional sind es wahrscheinlich die Fans von Hammarby IF, einem Stockholmer Sportverein, die als Paradebeispiel herangezogen werden können, weil sie jegliche Partien der Frauenmannschaft lautstark begleiten – auch Auswärts.
Das ist nicht nur melodiös und schön fürs Auge. Es ist politisch. Während die einen Fanszenen Frauenfußball belächeln, toxische Männlichkeitsbilder weitertragen und unter einem Deckmantel der Sicherheit „keine Weiber in den ersten Reihen“ wollen, öffnen andere wiederum Räume und bilden ein lebendiges Gegengewicht für Alle. In vielen Kurven ist es ein Startschuss im Kampf um Zugehörigkeit und Respekt, den sich FLINTA*-Personen hart erarbeiten mussten. Und noch ist das Ziel lange nicht erreicht, aber immerhin ist der Weg erstmalig klar ausgeschildert.
Frauenfußball-Fortschritt mit Fallhöhen
Das Fankurvenbild steht sinnbildlich für das sportliche Gesamtkonstrukt, das wie so oft von männlichen Meinungen vereinnahmt wird und progressive Veränderung auf Widerstände stoßen lässt. Aber der Gegenwind trägt Früchte: Die Sichtbarkeit des Frauenfußballs ist gewachsen, die Herangehensweisen werden nach und nach professionalisiert und die Nachwuchsarbeit allmählich aufgebaut. Talente haben endlich Perspektiven, Verträge und medizinische Betreuung auf höherem Niveau. Und die öffentliche Erwartung verändert sich: Weniger herablassende Witze, mehr ernsthafte Analyse. Das klingt banal – ist aber ein Kulturbruch.
Was fehlt? Geld – nicht fürs Spektakel, sondern für Infrastruktur. Trainingsplätze, medizinische Weiterentwicklung, faire Gehälter, stabile Vereinsstrukturen. Solange die meisten Spielerinnen nebenbei arbeiten müssen, reden wir nicht von Gleichberechtigung, sondern von netter Anerkennung. Und solange die mediale Dauerpräsenz nicht selbstverständlich, sondern eher Event-abhängig ist, bleibt die Gefahr eines Rückfalls.
Aber: Veränderung braucht Momentum. Und genau das ist gerade vorhanden. Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob Vereine nachhaltig haushalten und Fans kontinuierlich zu Spielen erscheinen. Die Blaupause liegt bereit: England hat mit der Women’s Super League gezeigt, wie man Strukturen formt. Deutschland kann – und sollte – nachziehen, statt sich auf Traditionen auszuruhen. Wer Fortschritt will, muss im manchmal grauen Ligaalltag genauso laut sein wie beim EM-Finale, denn nur so wird der euphorische Impuls zum kulturellen Umschwung.
Der Beitrag wurde geschrieben von Manu, Gründer von ohwhat.de – einem unabhängigen, urbanen Magazin, das sich als medialer Safe Space versteht und einen kritisch-optimistischen Ansatz verfolgt.
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Mehr zum Thema Gleichberechtigung gibt es zum Beispiel hier.


