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Vom Hochland bis in den Supermarkt: Tee zwischen Marktmacht und Menschenrechten

Tiefer Nebel, hohe Luftfeuchtigkeit: Sri Lankas Hochland bietet ideale Bedingungen für den Teeanbau. Gemeinsam mit China, Indien und Kenia wachen in Sri Lanka fast 75 Prozent der Pflanzen für den global jährlich produzierten Tee. Und obwohl wir in Deutschland morgens am liebsten eine Tasse Kaffee in der Hand halten, ist Tee nach Wasser dasjenige Getränk, das weltweit am häufigsten getrunken wird: Ganze fünf Milliarden Tassen am Tag. Umso erstaunlicher, dass es in Deutschland kaum ein Produkt gibt, das prozentual so wenig zum Gesamtumsatz des Fairen Handels beiträgt wie Tee und das medial und gesellschaftlich so weit unter dem Radar bleibt. Und das, obwohl auch im Teeanbau niedrige Löhne und Ausbeutung an der Tagesordnung sind und Fairer Handel dringend vonnöten.

Unsere Suche nach Arbeitsbedingungen, Ursachen und Lösungen führt von den tropischen Bergen rund um Ella in Sri Lanka zurück nach Deutschland: In ein Gespräch mit dem Forum Fairer Handel und schließlich direkt in unsere Supermärkte.

Tee in Sri Lanka

Rund um den bei Tourist:innen beliebten Ort Ella im sri-lankischen Hochland schlängeln sich enge Serpentinen weiter den Berg hoch, begleitet von den Eingängen zu verschiedensten Teeplantagen. Vom Ella Organic Tea Garden über die Halpé Tee-Produktion bis zu global bekannten Marken wie Lipton: Zwischen Bio-Tee und Großfabrik gibt’s hier alles und beinahe alle Farmen sind für Touri-Touren geöffnet. So können sich Tourist:innen Trocknungs- und Fabrikprozesse anschauen oder mit Korb selbst in die Felder begeben. Dass die Teewirtschaft eine Attraktion für Reisende ist, erklärt sich auch durch die Relevanz der Branche für das Land: Die sri-lankische Teeindustrie erwirtschaftet jährlich rund 1,4 Milliarden US-Dollar und trägt somit bis zu 13 Prozent der gesamten Exporteinnahmen des Landes bei.

Über eine Million Menschen des 23,3 Millionen Einwohner:innenlandes arbeiten direkt oder indirekt in dem Sektor. Neben der enormen Rolle, die die Teeproduktion für die Wirtschaft spielt, prägt sie zugleich die Identität des Landes. Ceylon-Tee – ironischerweise unter dem britisch transkribierten und zumindest kolonial geprägten Namen des Landes, Ceylon, bekannt – ist eine der bekanntesten Marken Sri Lankas und global geschätzt und getrunken. Rund 70 Prozent der Produktion des sri-lankischen Tees erfolgen bei Familienbetrieben und Kleinbäuer:innen. Der restliche Anteil entfällt auf sogenannte Estates, also größere Betriebe. Wie viele von diesen Produzenten fair, nachhaltig und biologisch arbeiten – dafür gibt es kaum verlässlichen Zahlen.

Im Vordergrund Tee, im Hintergrund ein Baum und Nebel über dem Tal
Tee wächst auf unterschiedlichen Höhen, der bekannteste im Hochland. Hier ist die Luft feucht und der Nebel hängt tief. Dass Bäume zwischen den Teesträuchern stehen, macht die Felder resilienter.

Fairer Handel möchte es besser machen

In herkömmlichen Teeplantagen, in Sri Lanka genau wie andernorts, „sind die Arbeitsbedingungen häufig katastrophal“, erklärt Katrin Frank, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vom Forum Fairer Handel. „Es ist harte körperliche Arbeit und schlecht bezahlt“.

Während dies die Norm in vielen Unternehmen ist, gibt es dennoch solche, die bewusst einen anderen Weg wählen. Die darauf achten, dass Menschenrechts- und Umweltstandards in ihren Lieferketten eingehalten werden. Auf dieser Basis wurde das Forum Fairer Handel gegründet, das ein Dach für jene Firmen bietet: „Fairer Handel verbindet die Produzierenden im Globalen Süden mit den Konsumierenden hier. Das Forum sollte eine Institution sein, die dem Fairen Handel auf der Bundesebene eine politische Stimme gibt“, skizziert Frank Geschichte und Zweck des Forums. Heute sind die meisten großen und kleinen deutschen Unternehmen des Fairen Handels Mitglied im Forum, genauso wie etwa der Weltladen-Dachverband.

Obwohl wir eine Farm besuchen, die auf Misch- statt Monokulturen und organischen Anbau setzt und sich als Familienbetrieb bezeichnet, werden hier Firmen wie Lipton von einigen Farmer:innen hoch angesehen: Sie seien international und erfolgreich. Wo wir genau sind, dürfen wir rechtlich nicht sagen.

Fairer Handel hält, was Unternehmenssiegel versprechen

Der Faire Handel, erklärt Frank, arbeitet nach strengen Prinzipien, bei denen die Fragen nach Menschen- und Arbeitsrechten ebenso eine große Rolle spielen wie ökologische. Für die Einhaltung ökologischer Standards gibt es für Verbraucher:innen zur Orientierung auch Produktsiegel und -zertifizierungen. Aber eine Garantie auf einen fairen Umgang in der Lieferkette geben sie nicht. Denn neben unabhängigen Zertifizierungen gibt es auch solche, die von Unternehmensverbänden ins Leben gerufen werden und die im Supermarktegal neben unabhängigen Zertifizierungen zu finden sind. Häufig finden bei Corporate-Siegeln geringere Kontrollen – und selten unabhängige – bezüglich eingehaltener Arbeits- und Umweltstandards statt – und oft sind sie nichts weiter als Greenwashing.

Auch beim Teeanbau in Sri Lanka finden häufig keine externen Begutachtungen statt. Zwar zertifizieren viele Plantagen vor Ort einzelne Produkte – mal mit Unternehmenssiegeln, mal mit unabhängigen – aber selten den ganzen Betrieb. Und auch das ist keine Garantie: So wurde kürzlich auf zwei von Fairtrade und Rainforest Alliance zertifizierten Plantagen gegen die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz verstoßen, sowie unzureichende Löhne, minderwertige Unterkünfte und Fälle von Kinderarbeit dokumentiert.

Fairer Handel gegen den Omnibus

Wie so häufig könnte mehr politische Regulierung dazu beitragen, solchen Verstößen zuvorzukommen oder sie mindestens zu reduzieren. Mit einem europäischen Lieferkettengesetz, für das zivilgesellschaftliche Organisationen – unter ihnen auch das Forum Fairer Handel –, einzelne progressive Politiker:innen und nachhaltiger produzierende Marken jahrelang gekämpft haben, hätte hier ein wichtiges Rahmenwerk entstehen können. Zunächst enthielt der Gesetzesentwurf Berichtspflichten zur Einhaltung von Mindeststandards in internationalen Lieferketten.

Mit der sogenannten „Omnibus-Verordnung“ wurden Ende 2025 zentrale Aspekte des Gesetzes gekippt. Es einen „zahnlosen Tiger“ zu nennen, geht für viele Organisationen schon zu weit: Konservative und rechte Politiker:innen und millionenschwere Lobbygruppen haben das Gesetz unter dem Framing eines „Bürokratiemonsters“ faktisch ausgehöhlt. Nach diesem zweifelhaften Erfolg äußern sich auch hierzulande immer mehr Unternehmensverbände, das deutsche Lieferkettengesetz ebenfalls wieder abzuschaffen und Deregulierung weiter voranzutreiben. „Dass das Narrativ überhaupt greift – Wettbewerbsfähigkeit gegen Menschenrechte – ist erschreckend“, fasst Frank es zusammen.

„Es ist schrecklich und tragisch, was auf EU-Ebene passiert ist, weil ein gutes Lieferkettengesetz Wirkung zeigt. Für unsere Mitgliedsunternehmen ist es Teil ihrer DNA, dass ihre Lieferketten nicht zum Nachteil von Kindern und Kinderrechten, nicht zum Nachteil von Menschenrechten und der Umwelt gestaltet werden“, so Frank weiter. Alle anderen Unternehmen müssen aber mehr an die Hand genommen werden. Und dennoch entscheidet sich die Politik für Deregulierung.

Undurchsichtige Lieferketten, fehlender politischer Wille und ein Einknicken vor Großkonzernen, gepaart mit einem geringen Absatz von fair gehandelten Teeprodukten – wo lässt sich überhaupt noch ansetzen?  

Wo Hebel sitzen

Dass auch Konsumierende Macht haben, ist lange bekannt, obwohl es sich im Alltag oft nicht so anfühlt. Mit über 37 Prozent des gesamten Umsatzes von fair gehandelten Produkten führt fairer Kaffee die Statistik weit vor allen anderen Produkten an – bei einem Gesamtumsatz von knapp einer Milliarde Euro im Jahr 2024. Fair einkaufen bringt also etwas – und noch mehr als einzelne Konsumentscheidungen kann die andere Seite etwas bewirken: Supermärkte. In Deutschland haben die „big four“ eine riesige Marktmacht. Aldi, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe bestehend aus Lidl und Kaufland kontrollieren in Deutschland 85 Prozent des Lebensmittelmarktes. Wer in Deutschland Lebensmittel vertreiben möchte, kommt kaum darum herum, bei diesen Marktriesen anzuklopfen.

Das Forum Fairer Handel beschreibt, dass Liefernde durch die Abhängigkeit von den großen Ketten in Verhandlungen häufig mit ziemlich unlauteren Praktiken konfrontiert werden: Preise werden gedrückt, Kosten und Geschäftsrisiken auf die Liefernden übertragen. „Ein Sondergutachten der Monopolkommission“, so Frank, „bestätigt erstmals, dass die zunehmende Marktkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel schädlich ist. Schädlich für die Produzierenden und die Verbraucher:innen“.

Die Supermarktmacht über fair und unfair

Die vier Konzerne stehen in permanenter Konkurrenz zueinander. Frank beschreibt einen Fall, in dem Lidl vor einigen Jahren verkündete, ihr gesamtes Bananensortiment ausschließlich auf fair gehandelte Bananen umzustellen – etwas, das große Supermärkte in der Schweiz beispielsweise schon lange Zeit umgesetzt haben. Doch die Konkurrenz setzte daraufhin den Preis für ihre Bananen runter und stieg damit in den Preiskampf ein. Nach einiger Zeit machte Lidl diese Neuerung mit dem Argument wieder rückgängig, die Kund:innen hätten zu wenig Interesse an den teureren Fairtrade-Bananen. . Es ist eine Spirale, unter der die Produzierenden und Zuliefernden am meisten leiden: „Weil der Kampf der Supermarktriesen um größere Marktanteile langsam an seine Grenzen stößt, investieren sie zunehmend in eigene Lieferketten – und da wird es richtig interessant. Der größte Bäcker in Deutschland ist mittlerweile Lidl“, erklärt Frank die Auswirkungen der Marktkonzentration.

Dass Supermärkte hier aber einen großen Hebel haben, der medial und politisch unzureichend diskutiert wird, zeigt ein erfolgreiches Beispiel. Der Anteil von Blumen am Umsatz fair gehandelter Produkte in Deutschland ist mit über sechs Prozent drei Mal so hoch wie der von Tee. Und das liegt, so Frank, primär daran, dass etliche Supermärkte innerhalb der letzten zwanzig Jahre den klassischen 10er Bund Rosen komplett auf Fairtrade umgestellt haben. Wie konnte es bei Blumen klappen, aber bei anderen Produkten wie dem Tee, nicht? Vielleicht deshalb, weil im Supermarkt zuvor kaum regulär gehandelten Blumen angeboten wurden, anders, als es bei den meisten Lebensmitteln, wie auch Tee, der Fall ist. Fakt ist aber auch hier: Wenn Supermärkte wollten, könnten sie.

Die Art der Teeblätter bestimmt über den Geschmack. Grüner und Schwarzer Tee werden aus der gleichen Pflanze gewonnen, der Unterschied liegt in der weiteren Verarbeitung. Grüner Tee wird nicht fermentiert (oxydiert), Schwarzer Tee wird vor dem Trocknen fermentiert.

Eine faire Wirtschaft schützt auch vor Auswirkungen von Naturkatastrophen

Und dass sie müssten, genau wie die Politik und die großen Teeunternehmen, steht außer Frage. Ende November 2025 traf der Zyklon Ditwah Sri Lanka und damit die verheerendste Naturkatastrophe seit dem Tsunami 2004. Hunderttausende Menschen wurden obdachlos, mehr als 600 kamen ums Leben. Fluten, Erdrutsche, überschwemmte Infrastruktur sowie zerstörte wirtschaftliche Grundlagen trafen zwei Millionen Menschen. Die global unzureichenden Maßnahmen für mehr Klimaschutz werden Extremwetterereignisse dieser Art weiter begünstigen.

Der Teeanbau, so Frank, weist insgesamt ziemlich viele Parallelen zum Kaffeeanbau auf. Beide Pflanzen sind Hochlandgewächse, die auf Temperaturschwankungen empfindlich reagieren. Bei extremeren Wetterschwankungen können Farmer:innen schlecht auf andere Anbaugebiete ausweichen, sie sind in der Auswahl der Anbaugegenden stark limitiert. Und wenn Naturkatastrophen die Felder zerstören, verlieren die Menschen ihre gesamte Lebensgrundlage. Oder in der Sprache wirtschaftlicher Nutzlogik formuliert: Geringere Erträge bedeuten Qualitätsverluste für unseren Kaffee oder Tee.

Tatsächlich werden in kleineren und nachhaltigeren Betrieben teilweise Kaffeepflanzen neben Teesträucher gesetzt. Die Ansprüche der Pflanzen sind nicht deckungsgleich, ihr gemeinsamer Anbau kann im Sinne von Agroforstsystemen aber dennoch sinnvoll sein.

Resilienz ist möglich – zumindest im Fairen Handel

Aber auch ohne Zynismus muss sich einiges ändern, etwa die Löhne für Kleinbäuer:innen. Mit besseren Löhnen können sie sich gegen den Klimawandel wappnen, zum Beispiel, um von Mono- auf Mischkulturen umzusteigen. „Wenn man nicht nur den sogenannten Cash Crop, wie in dem Fall Tee, anbaut, sondern auch andere Bäume und Sträucher drum herum, fördert das die Humusbildung. Dadurch ist das Erdreich besser gesichert“, erklärt Frank. Eine weitere Maßnahme sind Pflanzen, die zum Beispiel resilienter gegen Temperaturschwankungen sind. Aber, fügt Frank hinzu: „Diese Probleme gibt es eigentlich in jedem Sektor“.

In beinahe allen importierten Produkten mit ähnlicher Lieferkette gibt es ähnliche Herausforderungen. Firmen des Fairen Handels versuchen, dies zu problematisieren und Gegenentwürfe bestmöglich in ihrer jeweiligen Branche zu implementieren. Und dann ist es, wie am Ende so oft, eine Frage davon, was politisch gewollt und gefördert und schlussendlich verkauft und gekauft wird. Bei Produkten wie Kaffee, Blumen und Schokolade sind wir hier auf einem guten Weg. Es wäre überfällig, dass Tee nachzieht.

Mehr zum Themenbereich Fairer Handel und nachhaltige Lieferketten lest ihr zum Beispiel hier, mehr zu Lebensmitteln hier.

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