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Ein Jahr, fünf Stimmen: Was bleibt von Lützerath?

Lützerath war die Bebilderung von dem, was die Bewegung ist, was sie tut, wofür und auch wogegen sie kämpft.

– Lu (sie),  Klima- und Queerfeministische Aktivistin

Über ein Jahr ist es nun her, dass in Lützerath Tag X ausgerufen wurde. Es war der Tag, an dem aus 14 Bundeländern tausende Polizist*innen mit Räumpanzern, Wasserwerfern, Pferdestaffeln und schwerem Gerät anrückten. All das, um die Interessen des milliardenschweren Großkonzerns RWE durchzusetzen und das Dorf Lützerath zu räumen und abzureißen. Es war aber auch der Tag, an dem aus ganz Deutschland und darüber hinaus tausende Menschen angereist kamen, um sich gemeinsam mit den Aktivist*innen und Anwohner*innen vor Ort der Zerstörung eines Ortes in den Weg zu stellen, der zu einem Symbol geworden ist. Ein Symbol mit unterschiedlicher Bedeutung für eine sehr diverse Gruppe von Menschen.

Während Lützerath politisch auch über Deutschland hinaus zu einem Symbol für den Kampf für eine klimagerechte Welt wurde, war der Ort für viele noch viel mehr und der Kampf für seinen Erhalt deshalb viel persönlicher. Lützerath war Zufluchtsort, Heimatort, Widerstand, Utopie – Was bleibt davon nach Räumung und Zerstörung? Dafür haben wir Lu, Mio, Waldemar, Johanna und Ulli gefragt, was sie rückblickend über Lützerath, ihre Zeit und ihren Kampf vor Ort denken.

Über anderthalb Jahre war Timo mehrmals in Lützerath, um die Situation vor Ort zu dokumentieren.

Was bedeutet Lützerath für dich?

„In erster Linie war Lützerath für mich ein riesiger Freiraum, aber auch ein Weg, aus meinem post-covid Alltagsleben zu entkommen. Viele Dinge, die in unserer Normalgesellschaft selbstverständlich erscheinen, waren dort einfach anders. Allein, dass immer vegan für alle gekocht wurde zeigt, dass die Deckung der Grundbedürfnisse aller für das ganze Dorf Priorität war. Es gab keinen (Arbeits-)Zwang, denn Menschen haben selber entschieden, was sie für wichtig halten und wie sie sich einbringen wollen. Diese Mischung aus einem sehr einfachen bedürfisorientiertem Alltag und einem Leben direkt neben der größten Kohlemine Europas war für mich die bis dahin größte Nähe zu den Umständen, die unser Leben beeinflussen“ – Manu (neutrale Pronomen). Manu hat zwischen 2021 und 2023 mehrere Monate in Lützerath gelebt.

„Lützerath war die Bebilderung von dem, was die Bewegung ist, was sie tut, wofür und auch wogegen sie kämpft. Dass es um globalen Klimaschutz und die Rechte einzelner, ganz konkreter Menschen geht, die für einen völlig hirnrissigen und klar kapitalistischen Plan ihr Zuhause verlieren, hat einfach das große, oft abstrakte Problem so gut runtergebrochen. Konzerne versus people. Geld versus Leben. Macht versus Gerechtigkeit. Und ich glaube, Lützerath war ein Ereignis, bei dem zumindest von manchen gesehen wurde: Ah, diese „Klimaaktivist*innen“ die man sonst nur daher kennt, dass sie am Mittagstisch mit ihren Diskussionen oder festgeklebt auf dem Weg zur Arbeit nerven, setzen sich ein und riskieren ihre Gesundheit für etwas, was mich ja irgendwie doch sehr konkret betrifft.“ – Lu (sie)  Klima- und Queerfeministische Aktivistin.

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„Lützerath war für mich ein Stück meines Heimatorts Immerath mitsamt Lützerath, das seit jeher dazugehörte. Ab 2020 war es auch ein Ort der Begegnung mit vielen tollen Menschen, die sich diesem Irrsinn entgegen gestellt haben und auf so vielfältige Art und Weise RWE die Stirn geboten haben. Am meisten fehlt mir die vertraute Umgebung, die seit der Kindheit da war und jetzt im Niemandsland verschwunden ist. Oft denke ich auch noch an die Erlebnisse mit Freunden dort. Aber auch an die Dorfspaziergänge, Demos und die tollen Menschen, welche ich dort kennenlernen durfte.“ – Waldemar Kiener ist in Immerath, direkt neben Lützerath, geboren und aufgewachsen und war auch später immer wieder dort. Immerath wurde wie Lützerath zur Erweiterung von Garzweiler 2 zerstört.

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Welche Bedeutung hatte die Räumung von Lützerath für dich?

„Die Räumung hat gezeigt, dass der Staat als Handlanger des Kapitalismus bereit ist alles zu tun, um den Fortschritt zu verhindern. Der Danni hat das schon deutlich gezeigt – die Gewalt geht vom Staat aus. Für mich hat Lützi deutlich gemacht, dass es in diesem System keine Chance gibt. Jeder Restzweifel wurde ausgeräumt. Jedes letzte Fitzelchen Glaube daran, dass ein Dialog stattfinden kann, wurde genau wie Lützerath zerstört.“ – Mio (sie), Aktivistin aus Lützerath.

„Ich glaube, Lützi hat viel Frustration hinterlassen. Wir haben doch alles gemacht und gegeben und trotzdem ist das Dorf jetzt weg. Und gleichzeitig viel Zusammenhalt. Wir haben einige Aktivisti verloren, die keine Kraft mehr haben. Aber wir haben auch einige gewonnen, das sehe ich auch in meinem Umfeld. Wir haben gesehen, was wir auf die Beine stellen können, wie gut verschiedene Gruppen trotz Differenzen ineinandergreifen können, aber auch, wo wir Ziele trotz vieler Dinge, die wir gut machen, nicht erreichen. Oder wo wir uns streiten. Wir haben gesehen, dass RWE sich jetzt so manche neue Investition nicht traut. Dass Aktionen und Besetzungen ihre Wirkung manchmal erst im Nachgang zeigen. Ich glaube, wir haben auch viel Zuspruch gewonnen.“ – Lu.

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„Lützerath hat es geschafft, militante Autonome, die pazifistische Klimabewegung und eine bürgerlich-ländliche Bevölkerung unter einen Hut zu kriegen. Ein älterer Genosse sagte mal in einem anderen Kontext zu mir: „Wenn die Langhaarigen und die ohne Haare es schaffen zusammenzuarbeiten, haben wir gewonnen“ und das hat Lützerath geschafft.

Hier kommen mir Erinnerungen an Schlammschlachten mit der Polizei, Erinnerungen an massive Gewalt, Erinnerungen von Schlagstöcken, die auf meinen Kopf gezielt und Fäuste, die meine Nase verletzt haben. Erinnerungen daran, wie wir stundenlang nachts im Dreck lagen um die Polizei auszuspionieren, wie einige es geschafft haben über die Zäune zu klettern. An den täglichen Struggle warm zu bleiben und viel an Momente des Zusammenhalts und der Solidarität. Was ich vermisse, ist der unbändige Mut und der Kampfgeist, das völlig bescheuerte und das komplett unmögliche zu wagen. Ich vermisse die Aufbruchstimmung, die Momente, in denen die Menschen sich aus der Demonstration gelöst haben und die Polizeiketten druchbrochen haben.“ – Ulli (er). Ulli hat in den letzten Jahren mehrere Wochen in Lützerath verbracht und war auch zur Räumung dort. 

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Was von Lützerath bleibt

„Geblieben ist mir erstmal ganz viel Schlamm und Glitzer in allen Klamotten, den Haaren und dem Herz. Dann viel Müdigkeit. Und Wut. Dann Energie. Klar kommt man erstmal total platt zurück und muss die Räumung verarbeiten, viel weinen oder im Bett liegen. Aber mir hat Lützi mehr Kraft gegeben als genommen, nachdem ich mich etwas erholen konnte. Lützerath hat viel bewegt in mir und in anderen Menschen. In Lützi haben so viele verschiedene Gruppen der Bewegung und so viele verschiedene einzelne Personen so gut zusammengearbeitet… Lützi hat gezeigt, dass das geht und, dass es wieder geht.“ – Lu.

„Ich bin in Lützerath viel selbstbewusster geworden. Gerade als Flinta*-Person war ich vorher auf viele Arten gehemmt in meinem Leben. Ich habe vieles gelernt, von handwerklichen Fähigkeiten über Klettern bis Moderation und Organisation von Plena. Aber auch, dass Monogamie und binäre Geschlechter keine Norm sein müssen. Was sich außerhalb eines Ortes wie Lützerath vielleicht schwer erklären lässt, war dort selbstverständlich und das gibt mir Hoffnung, dass es so einen Ort auch wieder geben kann.“ – Manu.

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„Meinem Empfinden nach hat die Räumung die Bewegung verändert in der Art, dass man „extremer“ an die Sache ran gehen muss, um realistisch ein Ziel überhaupt erreichbar zu machen. Dass normale Demonstrationen nicht mehr ausreichen und nicht viel bewegen können, und es deswegen zu Besetzungen und ähnlichem kommt“ – Waldemar.

„Ich komme selber nicht aus der Region, bin dort aber schon lange aktivistisch unterwegs. Der Protest rund um Lützerath hat dort vor Ort über Jahre Menschen empowert, die Dinge selber in die Hand zu nehmen, und ihnen gezeigt: Widerstand ist nötig und wirksam. Immerhin haben wir (was nicht vergessen werden darf) auf fünf Dörfer vor RWE gerettet! So, wie ich das über meine persönlichen Kontakte wahrnehme, hat Lützerath und alles, was dort passiert ist, andere Ansätze zur Gestaltung der Dörfer und der Region hervorgebracht, als das ohne die Besetzung Lützeraths der Fall gewesen wäre.“ – Johanna (sie), Klimaaktivistin, mit den selbst betonten Privilegien: weiß, cis-weiblich, able-bodied, deutscher Pass und noch einigen mehr.

„Geblieben ist für mich das Wissen, dass eine andere Welt möglich ist. Dass eine Idee sich nicht durch die Zerstörung eines Ortes vernichten lässt, sondern dass Lützerath für mich wie eine Pusteblume ist: Die Idee, die sich mit der Zerstörung verbreitet hat wie die Samen, die der Wind über ganz Deutschland verteilt hat. Egal ob im Heibo oder der Leinemasch, egal ob in der nächsten Wald- oder Hausbesetzung. Die Idee lebt weiter, sie wird größer, sie wird unaufhaltbar.“ – Mio.

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Der Kampf für Klimagerechtigkeit über Besetzungen geht auch nach Lützerath weiter

Der Kampf für Klimagerechtigkeit geht also weiter. Aktuell mobilisiert die Bewegung in die Leinemasch bei Hannover. Dieses Landschaftsschutzgebiet ist durch den Ausbau des Südschnellwegs bedroht. Hier gibt es eine weitere Besetzung und das Bündnis sieht eine zeitnahe Räumung als wahrscheinlich.

Jüngst ist jedoch auch der Hambacher Forst, eine der größten autonomen Zonen Europas, wieder bedroht. RWE pumpt im Umfeld des Tagebaus das Wasser ab und entzieht so dem Wald schon länger das Grundwasser. Mit der geplanten Zerstörung des Dorfes Manheim wäre der Wald auf drei Seiten von der Grube umgeben, wodurch zusätzlich große Teile des Regenwassers ablaufen würden. Die Bezirksregierung hat zudem angekündigt, den Wald wieder forstwirtschaftlich nutzen zu wollen und zu diesem Zweck die dort ansässigen Aktivist*innen vertreiben zu wollen. Diese haben Widerstand angekündigt.

Alle Fotos stammen von unserem Redakteur und Fotojournalisten Timo. Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren war er immer wieder vor Ort. Auch die Gespräche führte Timo.

Mehr zum Thema Klimaschutz und Klimaaktivismus findet ihr zum Beispiel im Gespräch mit den Omas for Future.

 

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