Am gestrigen Donnerstag den 05.11. haben in Halle rund 30 Gewerbebetreibende mit Migrationsgeschichte zeitweise ihre Türen geschlossen. Sie haben sich damit dem „Migra-Streik“ angeschlossen, den die Initiative Migrastark organisiert hat. So wollten sie angesichts einer weiter zunehmenden Diskriminierung von Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen Anhalt ein deutliches Zeichen setzen. Ziel war es, „zu zeigen, dass Halle eine vielfältige, schöne und lebenswerte Stadt ist, die ohne die Arbeit und Perspektiven unserer Freund*innen, Nachbar*innen und Mitmenschen so nicht die gleiche ist“, heißt es dazu im Aufruf zur Aktion.
Wer beim Migra-Streik die Türen schloss
Einer der Streikenden ist Wael Alomar. Er hat sich dem Migra-Streik angeschlossen, weil seine Familie seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt täglich rassistischen Anfeindungen im Alltag ausgesetzt ist. Ob in der Schule, beim Einkaufen oder sogar offen auf dem Marktplatz. Überall würden seine Angehörigen und Freund*innen Diskriminierung erfahren. Vom deutschen Staat erwarte er, dass seine Familie geschützt wird. Er streikt heute, um für die Zukunft seiner Familie zu kämpfen. Angst habe er nicht: „Denn ich tue das Richtige!“.


Fadi Darwish zeigt sich ähnlich kämpferisch. Zusammen mit seinem Vater hat sich der 24-jährige in Halle eine Shishabar aufgebaut. Auf die Frage, warum er heute streikt, stellt er klar: „Die Leute in Deutschland wollen arabisches Essen, arabische Waren, aber keine arabischen Menschen. Wir zeigen heute, was ohne uns fehlt.“
Schaut nach Sachsen-Anhalt!
Für die Rechte und Perspektiven von Menschen mit Migrationsgeschichte setzt sich in Sachsen-Anhalt auch das Landesnetzwerk für Migrant*innenorganisationen (Lamsa e. V.) ein. Beim ndo Salon – einem Panel in Berlin unter dem Titel „¿¡Welche Wahl haben wir?!“ – erklärt Mina Jawad vom Lamsa e. V.: „Sachsen-Anhalt kann ein Präzedenzfall werden, denn wenn Sachsen Anhalt fällt, wird auch die Bundesebene fallen. Es ist deshalb wichtiger dennje, dass wir den Blick nicht abwenden von Sachsen-Anhalt.“
Sie trifft damit einen wunden Punkt, den der Migra-Streik in Halle symptomatisch offenbart. Als es im August kurz vor der Wahl einen ähnlichen Streik in Magdeburg gab, war das Medienecho enorm. Nahezu jedes große Medium in Deutschland und viel internationale Presse waren vor Ort. Auch dieses Mal gab es einige Aufmerksamkeit. Sie fiel jedoch deutlich geringer aus, als noch im August. Insgesamt ist zu beobachten, dass Sachsen-Anhalt zunehmend aus den Schlagzeilen verschwindet. Währenddessen werden rassistische Einstellungen immer hemmungsloser offen gezeigt. Der Lamsa e. V. berichtet dazu in der Bundespressekonferenz am 19.10., dass sie seit der Landtagswahl jeden Tag einen rassistischen Übergriff erfassen.
Trotz Anfeindungen kämpferisch


Jetzt wegzuschauen gefährdet Menschen. Der Streik stellt eine Reaktion auf diese Entwicklungen dar, denn wie die Stimmen von Alomar und Darwish zeigen, kommt es wahrscheinlich zu deutlich mehr als einem rassistisch motivierten Übergriff pro Tag in Sachsen-Anhalt. Beşîr Rojava, der aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem echten Namen auftreten will, erklärt, dass die Idee für den Streik dem Austausch über Diskriminierungserfahrungen entsprang. Er hat den Migranten-Streik mitorganisiert und die Sorge vor Anfeindungen sei auch bei der Organisation des Streiks eine zentrale Herausforderung gewesen. Viele der Gewerbebetreibenden hätten Befürchtungen, sich durch eine Teilnahme am Streik zur Zielscheibe für Angriffe zu machen.
Umso mehr ist er nun froh, wie der gestrige Streik gelaufen ist. Er und die anderen Organisator*innen blicken in einem Statement gegenüber dem Reversed Magazine gestärkt und dankbar auf den Tag zurück: „Viele Geschäfte haben geschlossen, Menschen haben ihre Geschichten geteilt und gemeinsam ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung gesetzt. Besonders berührt hat uns der Zusammenhalt zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, die deutlich gemacht haben: Wir gehören zu dieser Stadt und wollen sie mitgestalten. Dieser Tag war für uns ein Anfang. Wir wollen als Initiative MigraStark weiter zusammenarbeiten, mehr Menschen erreichen und uns gemeinsam für gleichberechtigte Teilhabe einsetzen.“

Auch wir werden weiter am Thema dran bleiben und mitverfolgen, was in Sachsen-Anhalt passiert. Mehr zu Sachsen Anhalt seht ihr unter anderem hier und hier.


