Rot, hellblau und viel mehr: Überall sind Farben. Saskia Behrens versteht es, sie zu nutzen und sie miteinander zu kombinieren, ohne dass es irgendwie überwältigend wirkt. Im Gegenteil: stimmiger könnte es kaum sein – bis ins letzte Detail. Rohre, Türgriffe und sogar die Toilettenpapierhalterrolle sind farblich aufeinander abgestimmt. Saskia sagt von sich selbst, sie würde sich am ehesten als Placemakerin bezeichnen und als wir konkret fragen, was sie damit meint, erklärt sie, dass sie sich an der Schnittstelle zwischen Design und Sozialem verortet. Getreu dem Motto: Jeder Mensch sollte Schönes haben dürfen, arbeitet sie ohne nennenswertes Budget unter anderem daran, die typischerweise eher zweckmäßig eingerichteten SOS Kinderdörfer-Räume vom SOS Kinderdorf Worpswede bei Bremen mit Farbe zu füllen. Aber nicht nur das: mit gefühlt unendlicher Kreativität und Fürsorge möchte Saskia gleich das ganze Konzept Raum im kapitalistischen Status Quo neu denken. So bietet sie Künstler:innen an, in ihrer Wendolin Residency für umsonst zu übernachten – und arbeitet an Waldolin. Das Konzept: Ein barrierearmes gepachtetes Haus im Grünen für Eltern oder Menschen, denen Zeit im Grünen guttun könnte. Ganz ohne Gewinnabsicht. Um zu zeigen, dass es geht, Raum anders zu denken. Wir waren zu Gast bei Wendolin* und haben mit Saskia gesprochen – über Design, das Neudenken von Räumen und wie wir Gemeinschaft leben können.
*Einladung, Artikel entsteht redaktionell unabhängig und unbezahlt.


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Wieso arbeitest du an der Schnittstelle von Design und Sozialem?
Die banale Antwort: Sie entspricht meinen Interessen und Talenten und auch meiner Ausbildung. Es ist zum einen ein Privileg, einen so persönlichen Bezug zu seiner Lohnarbeit haben zu können, darüber hinaus empfinde ich sie aber als nicht rein eigennützig, sondern verfolge das Ziel, Lebensräume von Menschen zu verbessern. Das schätze ich daran sehr. Das – Wie arbeite ich? – ist auch entscheidend. Ich habe seit 20 Jahren wiederkehrende Depressionen, jeweils unterschiedlich lang und intensiv. Ich kann nur Teil der arbeitenden Gesellschaft bleiben, wenn die Bedingungen der Arbeit zu mir passen. Die habe ich mir über viele Jahre so geschaffen. Das ist und bleibt ein stetiger Prozess. Und das ist in meinem Job schon schwer, aber dennoch einfacher als für viele andere Menschen, die auch Lebens- oder Gesundheitsbedingungen haben, die der Arbeitsmarkt nicht bereit ist, passend aufzunehmen.
Wie kam die Idee für Wendolin zustande?
Dafür gibt so viele Gründe. Ein Thema, das mich reizt ist eben auch: Wie verhandeln wir gesellschaftlich Lebens- und Wohnraum. Ich lebe und arbeite in Räumen zur Miete. Schon so lange und kontinuierlich, dass ich mir vergleichbare Angebote heute am Markt nicht mehr leisten könnte.
Als die Nachricht kam, dass die Immobilie, in der ich arbeite, verkauft werden soll, war das ein Schock. Denn meine Existenz und mein Einkommen hängen davon ab. Und so geht es ja vielen. Werkstattraum ist rar und wird gern durch lukrative Neubauprojekte verdrängt. Aus dieser Angst habe irgendwann ein Handeln abgeleitet. Ich habe proaktiv nach einer neuen Erzählung gesucht. Und so bin ich auf die Räume gestoßen, die jetzt Wendolin sind.
Wendolin ist keine Werkstatt, aber es gab mir das Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes, Handlungsraum zu haben, wenn ich mal aus den Räumen, die ich aktuell miete, gehen muss. Also habe ich mit meinem Partner einen Kredit aufgenommen und gekauft. Irgendwann ist das lähmende Gefühl von Angst wieder dem von Bewegungsfreiheit gewichen und ich habe all die Möglichkeiten entdeckt: Endlich ein ganz eigenes Gestaltungsobjekt, wieder dazu lernen und so viele Menschen wie möglich daran teilhaben und davon profitieren lassen. Ich lade also kostenfrei Menschen ein, um zu stärken, in Austausch zu kommen, anzuerkennen und bedingungslos anzubieten, was ich habe.

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Wie geht es dir damit, so viel zu geben – hast du manchmal das Gefühl, dass du selbst hinten runterfällst?
Ja. Ist ja auch nur menschlich. Gehört also dazu. Und ich bekomme ja auch wirklich viel zurück. Das ist für mich auch alternativlos. Wir brauchen uns gegenseitig. In Zukunft noch mehr als jemals zuvor, das bedingt allein schon die Entwicklung der Umwelt. Wenn Katastrophen zunehmen, sollten wir in Zusammenhalt geübt sein, menschlich agieren, die Strukturen dafür bauen wir immer weiter ab. Die Tendenzen der Gegenwart sind ja eher, in Angst zu verharren und so immer exklusiver werden zu wollen. Menschen, die anders glauben, lieben, leben auszuschließen, auszubeuten, zu verfolgen oder gar bekämpfen zu wollen, ernsthaft als politische Option zu sehen, war und ist schon immer unmenschlich.
Was bewirkt Design über Wendolin hinaus?
Design kann so unfassbar elitär und oberflächlich daherkommen. Ich schätze es, wenn es als Art der Fürsorge auf möglichst vielen Ebenen eingesetzt ist. Visuell aber eben auch tiefergehend, inhaltlich und emotional. Und der Kontext ist für mich aktuell besonders spannend. Ein schön gestaltetes und eingerichtetes Haus für Gutverdienende ist eben nur begrenzt spannend, es verstärkt sogar die Abgrenzung zu anderen Menschen, deren Lebensrealität zum Beispiel finanziell anders gelagert ist. Design dort, wo Limitierungen unterschiedlichster Ursache gelagert sind, kann verbinden, fördern, mental stärken. Ein einfaches Beispiel: Wer auf wenig Raum mit mehreren Menschen lebt, profitiert von gut gestalteten Räumen, die zum Beispiel temporär Rückzug ermöglichen, ganz anders. Das beeinflusst Lebensqualität elementar.



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Was würdest du Menschen mitgeben; was ändert mit wenig Budget und wenig Zeit einen Raum so, dass das Gegenüber Wertschätzung erfährt?
Ich hätte jetzt auch Bock, einen pauschalen Tipp geben zu können, aber den gibt es glaube ich so nicht. Aber allein das Interesse an dem Wohlgefühl deines Gegenübers ist ja schon warmherzig.
Also: Ein gutes (Heiß-)Getränk zusammen an einem Tisch ist der beste Anfang. Vielleicht redet man dann über den Raum, aber vielleicht auch über ganz andere Dinge, die gerade so dran sind. Alles wertvoll.
Du hast Wendolin – aus einem notwenigen Sicherheitsgefühl heraus – gekauft. Wie können wir den gesellschaftlich tief verankerten Eigentumswunsch eigentlich aufbrechen? Oder wenigstens gerechter gestalten?
Wenn das nicht so scheiße lukrativ wäre mit dem Wohnraum und dem Geld, wäre der Anreiz für Eigentum schonmal minimiert. Eigentum gaukelt uns eine Art von Sicherheit vor. Mich eingeschlossen. Und sich davon frei zu machen, ist ja auch immens schwer, es ist ein Grundbedürfnis von uns allen – daher verbietet sich die groß angelegte Spekulation damit. Je mehr wir Raum als Ware sehen, desto unmenschlicher sind die Entscheidungen, die wir treffen. Innenstädte zum Beispiel kranken auch häufig an Immobilienstrukturen, die in keinster Weise menschliche Interessen beinhalten. Häuserreihen, die Firmengeflechten aus aller Welt gehören und niemandem vor Ort mehr ein Zuhause, ein Arbeitsplatz bieten, nur Leerstand und das Bild davon, in Vergessenheit zu geraten.



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Gibt es in unseren Städten Beispiele dafür, dass Design etwas zum Positiven ändert? Und wo könnte man ansetzen, um im (öffentlichen) Raum noch mehr zu ändern?
Wie so häufig: Kinder und Jugendliche sind sowas von underrated. Deswegen hier explizit ein Projekt, das ein dringliches Thema adressiert. In dem Projekt geht es um Folgendes: „Our Vision is a world where all parks and public spaces are designed to make teenage girls feel valued and included and where everyone feels welcome“ („Unsere Vision ist eine Welt, in der alle Parks und öffentlichen Räume so gestaltet sind, dass sich Mädchen im Teenageralter wertgeschätzt und integriert fühlen und in der sich jeder willkommen fühlt“).
Mein erster Einfluss, in meiner Arbeit größer und zusammenhängender zu denken, war wohl als Assemble Studios den Turner Prize 2015 gewonnen haben für ihr Granby 4 Streets-Projekt. Kurz gesagt ging es dort darum, Design als Werkzeug zur Verbesserung von Lebensbedingungen und auch neuen beruflichen Perspektiven zu sehen; Ganz grundsätzlich und langfristig gedacht und umgesetzt von vielen sehr jungen Menschen.
Nochmal was anderes: Das (Farb-)Unternehmen Pantone gibt für jedes neue Jahr eine „Farbe des Jahres“ heraus. Die für das kommende sei „Cloud Dancer“: Ein Weißton. Das Internet hat scharf darauf reagiert und die Wahl der Farbe als Indikator für Rezession und sogar Faschismus eingestuft. Was sagst du dazu? Welchen Einfluss haben Farben und Formen auf Zusammenleben und Gesellschaft?
Ja, peinlich ist das. So ein großes Unternehmen, das Farben bis ins letzte durchkommerzialisiert und nicht mal seiner Verantwortung gerecht wird, den politischen Aspekt seines Handelns anzuerkennen, beziehungsweise so hässlich damit kokettiert. Eine ganz schlechte Eigenschaft dieser Zeit. So Möchtgern-provokant. Denn Farben haben eine große Bedeutung in unserer Gesellschaft. Das sieht man, wenn man die Geschichte von Farben historisch betrachtet. Das ist übrigens auch unterhaltsam. Siehe das Thema rosa als „Jungsfarbe“. Und zurück zu Pantone: Pantone verlangt uns Designer*innen ohnehin viel ab. Check ma‘ deine Rolle, ey.

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Wie geht es mit Wendolin weiter?
Während ich nun also ganz neue, eigene Erfahrungen mit Wendolin mache, denke ich weiter, das reizt mich eben. Und was Wendolin „fehlt“, ist Raum für (Wahl)familie. Ich glaube, dass Unterstützung und Anerkennung für Pflegende, (Allein)Erziehende und viel mehr unsere Pflicht und auch ein wunderschöner gesellschaftlicher Akt ist. Also hätte ich gern ein weiteren Ort barrierearm für Menschen, mit Garten. Quasi ein Waldolin. Ganz einfach, oder? Wer hilft?






Mehr zu inklusiver Kultur lest ihr zum Beispiel hier.


