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Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl: Solidarität für ein aktives und achtsames Miteinander in der Altmark

Laute Fahrradklingeln, strahlende Gesichter, Fahnen an den Rädern und Banner an den Autos. So rollt die Altmark-Karawane am 28.08. in die Richtung der Gemeinde Dähre. „Für eine freundliche Welt der Vielfalt und Toleranz“ ist das Motto. Die Karawane will Mut machen und zeigen, dass ein solidarischeres Miteinander auch in einem Bundesland möglich ist, in dem eine AfD-Regierung droht. Dieses Drohen findet medial viel Raum, denn der ländliche Raum wird in Ostdeutschland häufig vor allem über rechte Wahlerfolge, fehlende Infrastruktur oder Abwanderung erzählt. Solche Beschreibungen verdecken jedoch, dass es dort zugleich Menschen, Netzwerke und Orte gibt, die Ausgrenzung widersprechen und solidarische Praxis organisieren – wie die Karawane. Wie verbreitet sind diese Orte und Netzwerke der Solidarität? Dafür habe ich in der Altmark im Norden Sachsen-Anhalts mit lokalen Akteur*innen Kartierungsworkshops durchgeführt, bei dem solidarische Orte, Praktiken und Infrastrukturen räumlich und emotional auf einer regionalen Karte verortet werden sollten. Unter den Teilnehmenden waren auch viele junge queere Menschen und politisch Engagierte. Das Ziel: solidarische Orte, Praktiken und Beziehungen gemeinsam sichtbar machen und verstehen. Denn Orte sind nicht einfach an sich solidarisch. Sie werden es durch die Beziehungen und Praktiken, die sie tragen.

Counter-Mapping als Methode, um den Begriff Solidarität aufzuschlüsseln

Kartieren: Auf einer Papierkarte entstehen nach und nach Kreise, Rechtecke und Linien. Kreise stehen für solidarische Praktiken, Rechtecke für Orte und Institutionen und gestrichelte Markierungen für mögliche Verbündete im Kampf gegen rechts. Verbindungen zwischen Orten, Bündnissen und Menschen werden eingezeichnet. Auch Erfahrungen oder Gefühle können mit Post-its markiert werden. Wo fühlen sie sich sicher? Welche Orte sind umkämpft? Wo fehlt etwas?

Grundlage für diese Arbeit ist ein vom Kollektiv Orangotango entwickeltes Counter-Mapping-Format. Orangotango ist ein Kollektiv für politische Bildung und kreativen Protest, die sich an der Wirkmächtigkeit von Karten bedienen, um marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Kritisches Kartieren oder Counter-Mapping versteht dabei Karten nicht als neutrale Abbilder eines Raumes. Stattdessen sollen die Erfahrungen und das Wissen der Menschen sichtbar werden, die sich in diesem Raum bewegen, sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse hinterfragt werden. Nicht nur Orte werden eingetragen, sondern auch Beziehungen, mögliche Bündnisse, Unsicherheiten und Leerstellen.

Das Ziel ist deshalb nicht eine vollständige Karte solidarischer Orte in der Altmark. Das Interesse besteht vielmehr darin, unter welchen Bedingungen Menschen solche Orte überhaupt benennen können und was aus Angst, Unsicherheit oder Schutzbedürfnissen unsichtbar bleibt. Die Kartierung sollte solidarische Strukturen nicht romantisieren, sondern danach fragen, was sie trägt. Die Methode lässt sich auch auf andere Orte und Gruppen übertragen. Sie kann helfen, vorhandene Ressourcen und Bedürfnisse sichtbar zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen, ohne daraus automatische eine öffentliche Karte aller Strukturen zu machen.

Ein Ort der Solidarität entsteht durch Beziehungen

In den Workshops werden Kultur- und Begegnungsräume, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Strukturen als solidarische Orte genannt. Entscheidend dabei ist weniger das politische Etikett eines Ortes als die Erfahrungen, die Menschen dort machen. Wer ist dort aktiv? Welche Werte werden praktisch gelebt? Wie gehen Menschen miteinander um? Manchmal entscheiden persönliche Erfahrungen oder schlicht ein Bauchgefühl darüber, ob ein Ort als möglicher Verbündeter eingeordnet wird. Zentral ist: Solidarität wird nicht allein durch einen Ort oder eine Institution hergestellt, sondern durch die Menschen, die ihn tragen. Die Beziehungen machen einen Ort solidarisch!

Verbindungen erweisen sich dort als stabil, wo Menschen kontinuierlich Verantwortung übernehmen und in Kontakt bleiben. Fragiler werden sie, wenn einzelne Personen zu viel Verantwortung tragen oder Netzwerke an wenigen Menschen hängen.

Die Autorin Bini Adamczak beschreibt mit dem Begriff der „Beziehungsweisen“ genau diesen Perspektivwechsel. Statt nur auf einzelne Menschen oder ihre politische Haltung zu schauen, richtet sich der Blick auf die Art, wie Menschen miteinander verbunden sind. Solidarität wäre dann keine Eigenschaft, die jemand besitzt, sondern etwas, das über Verlässlichkeit, Unterstützung und gemeinsame Praxis immer wieder hergestellt wird.

Gerade mit Blick auf Sachsen-Anhalt wird das relevant. Nach der Landtagswahl 2026, stellt sich nicht nur die Frage, wie stark rechte Parteien geworden sind, sondern auch welche sozialen Strukturen ihnen vor Ort etwas entgegensetzen können. Die Kartierung richtet den Blick deshalb auf eine politische Infrastruktur, die in Wahlergebnissen nicht auftaucht: auf Menschen, Orte und Beziehungen, die demokratisches und solidarisches Handeln im Alltag überhaupt ermöglichen.

Sichtbarkeit zu schaffen kann bedeuten, sich angreifbar zu machen

Eine Karte kann sichtbar machen, was sonst leicht übersehen wird: Menschen, Orte und Beziehungen, die solidarisches Handeln ermöglichen und tragen. Sichtbar wird jedoch nicht einfach alles, was vorhanden ist. Sichtbar wird das, was Menschen unter konkreten Bedingungen von Vertrauen und Sicherheit miteinander teilen können. Gerade die Frage nach Sichtbarkeit wurde in den Workshops immer wieder konkret. Junge queere Teilnehmende beschrieben etwa die alltägliche Abwägung, politische Buttons an Kleidung oder Taschen zu tragen, aus Angst vor rassistischen und homophoben Äußerungen.

Gerade in Sachsen-Anhalt ist die Frage nach Sichtbarkeit und Sicherheit nicht abstrakt. Die mobile Opferberatung dokumentiert im Jahr 2025 in Sachsen-Anhalt 229 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe. Das entspricht im Schnitt mehr als vier Angriffen pro Woche. Die Polizei registriert im selben Jahr alleinm127 Delikte gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität.

Das Risiko liegt dabei in der Logik jeder öffentlichen Karte. Was für die einen Orientierung schafft, kann für andere ebenfalls auffindbar werden. Werden Treffpunkte, Unterstützungsstrukturen oder informelle Schutzräume zu präzise verortet, können sie unter Umständen gezielt aufgesucht, gestört oder angegriffen werden. Gerade vor dem Hintergrund dokumentierter queerfeindlicher und rechter Gewalt ist die Sorge nicht nur eine Theoretische.  

Eine leere Stelle auf einer Karte bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass dort keine solidarischen Beziehungen existieren. Es kann ebenso bedeuten, dass Menschen gute Gründe haben, diese Beziehungen nicht sichtbar zu machen.

Eine Karte ist nie neutral

Counter Mapping stößt genau dort an eine Grenze. Es kann Menschen und Strukturen miteinander verbinden, gleichzeitig kann Sichtbarkeit für marginalisierte oder politisch gefährdete Gruppen ein Risiko darstellen. Eine Karte ist deshalb nie neutral. Sie entscheidet mit darüber, welche Informationen öffentlich werden, wer sie lesen kann und wofür sie genutzt werden.

Der praktische und gesellschaftliche Wert der Mapping-Übung lag somit nicht allein bei dem Erstellen einer Karte. Entscheidend war auch der Prozess des gemeinsamen Kartierens: miteinander darüber zu sprechen, welche Orte Sicherheit bieten, wo Unterstützung zu finden ist und welche Erfahrungen im öffentlichen Raum gemacht werden. Mapping wurde so zu einer Form der Verständigung und Vernetzung.

Deshalb wurden in meiner Untersuchung nicht nur die eingezeichneten Orte wichtig, sondern auch Leerstellen, Abstraktionen und Momente des Schweigens. Nicht jede Information, die politisch interessant ist, muss öffentlich werden. Manchmal hat Schutz Vorrang vor Sichtbarkeit.

Auch das ist eine wichtige Erkenntnis dieser Kartierung. Eine solidarische Karte muss nicht möglichst vollständig sein. Sie muss verantwortungsvoll mit dem umgehen, was Menschen bereit sind zu teilen und mit dem was sie aus guten Gründen für sich behalten.

„The Middle of Nüscht“: Bezugspunkte der Solidarität

Zu solidarischer Infrastruktur gehören in der Altmark zudem sehr materielle Bedingungen. „The Middle of Nüscht“ nennen die Altmärker*innen liebevoll ihre Region. Die Wege sind weit, viele Orte sind ohne Auto schwer erreichbar. Politische Vernetzung scheitert deshalb manchmal schlicht an Entfernung und Zeit.

Zwar sind die Wege teilweise weit und manche Orte mit ÖPNV nur schlecht zu erreichen, jedoch zeichnet sich in einem Workshop auch ein ganz anderes Bild: verbündet zu sein müsse nicht bedeuten, dass alle ständig am selben Ort zusammenkommen. Eine Person beschreibt solidarische Strukturen als viele über ein Land verteilte Lampen: „Wenn überall Lampen angehen, dann wird es überall etwas heller. Dafür müssen die Lampen nicht an einem Ort stehen.“ Das Bild fasst vieles zusammen, was die Kartierungen zeigen. Solidarische Infrastruktur muss kein großes Zentrum sein. Sie kann aus vielen kleinen Bezugspunkten bestehen. Aus Menschen, die Räume öffnen, Wissen weitergeben, Unterstützung organisieren oder wissen, wen sie anrufen können. Entscheidend sind die Verbindungen zwischen ihnen.

Damit verändert sich der Blick der Teilnehmenden auf die Altmark. Sie erscheint weder als romantische Gemeinschaft noch als einheitlich rechter Raum, sondern als politisch umkämpfter Ort, in dem autoritäre Entwicklungen und solidarische Gegenpraktiken gleichzeitig existieren. Die Kartierungen zeigen: Solidarische Strukturen bestehen nicht allein aus Orten, sondern aus den Verbindungen zwischen Menschen. Dort, wo Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitige Unterstützung vorhanden waren, konnten auch Bündnisse und Zukunftsvorstellungen sichtbar werden. Eine Karte kann einen Blick darauf eröffnen, was bereits vorhanden ist, wo Menschen miteinander verbunden sind und wo Beziehungen fehlen.

Solidarität für politische Veränderung

Beziehungen ersetzen keine Demonstrationen, keine politische Organisierung und keinen Widerspruch gegen rechte Strukturen, aber sie sind das Fundament dafür. Genau darin liegt die politische Bedeutung dessen, was Beziehungsweisen bedeuten. Es geht nicht nur darum, wohin wir politisch wollen, sondern auch darum, wie wir auf dem Weg dorthin miteinander umgehen.

Vielleicht ist deshalb nicht die vollständig gefüllte Karte das wichtigste Ergebnis, sondern die Erkenntnis, dass politische Handlungsfähigkeit auch dort entsteht, wo Beziehungen gepflegt werden. Wo Menschen einander unterstützen und Konflikte ausgehalten werden. Wo Unterstützung nicht nur angekündigt, sondern verlässlich geleistet wird und Verantwortung füreinander übernommen wird.

Die Workshops zeigen dabei auch etwas sehr Praktisches. Die Menschen wissen ziemlich genau, welche Orte ihnen fehlen, welche Beziehungen sie brauchen und was ihnen politische Beteiligung erleichtert oder erschwert. Sie wollen sich vernetzen. Dafür brauchen sie Räume, erreichbare Treffpunkte und Menschen, die miteinander in Kontakt bleiben. Gemeinsames Kartieren erschafft einen Moment, in dem Wünsche, Träume und mögliche Verbindungen entstehen und bleiben können.

Die Frage, wie wir miteinander leben wollen, steht somit nicht erst am Ende politischer Kämpfe. Wie wir schon heute miteinander umgehen, ist selbst Teil politischer Veränderung. Solidarität beginnt dort, wo Menschen einander nicht fallen lassen.


Der Artikel erscheint im Rahmen unseres Open Calls für FLINTA*, gefördert durch Filia. Die Frauenstiftung bei redaktioneller Unabhängigkeit.

Fotos: Timo Krügener

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