Seit über 35 Jahren fliegt Der Rabe Ralf in Briefkästen und an öffentliche Orte: Aus der oppositionellen DDR-Umweltbewegung entstanden, ist er bis heute eine gedruckte Berliner Non-Profit und Gratis-Umweltzeitung. Dass dieses Modell schon immer eine Herausforderung war, ist offensichtlich – und die Zeiten werden nicht einfacher. Der Rabe kämpft heute – mal wieder – ums Überleben. Im vergangenen Jahr konnte die Zeitung eine finanzielle Förderung für eine Wanderausstellung bekommen. In der Zionskirche in Berlin-Prenzlauer Berg treffen wir Johann Thun als Stellvertreter des Raben zwischen den Ausstellungstafeln.
Ein Gespräch über Alternative Medien (ja, wirklich), Umweltbildung in diesen Zeiten und darüber, dass Umweltschutz keine Klassenfrage sein darf.

In der Politik wird von einer Zeit der multiplen Krisen gesprochen. Klimaschutz hat kein Momentum. Wie betreibt man in diesen Zeiten eine Umsonst-Umweltzeitung wie Der Rabe Ralf?
Wir sind ein ganz kleines und mehrheitlich ehrenamtliches Team, im Kern sind wir drei, vier Leute, und wir sind trotz eines sehr erfahrenen „Chefredakteurs“ eher hierarchiefrei organisiert. Ansonsten haben wir ab und zu Freiwillige, die einen Bundesfreiwilligendienst oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr machen. Außerdem gibt es viele Menschen, die uns unterstützen, indem sie etwa den Raben verteilen.
Durch eine finanzielle Förderung der Stiftung Naturschutz Berlin konnten wir im vergangenen Jahr nicht nur diese Ausstellung umsetzen, sondern auch den Raben als solchen neu designen lassen. Beides wurde durch das wunderbare Kollektiv für Gestaltung umgesetzt. Jetzt haben wir sogar eine ansprechende Homepage, die unsere Freunde von Karo3 gemacht haben. Die Fördergelder haben wir also gut investiert. Als Umsonstzeitung steht man natürlich trotzdem immer kurz vor der Pleite.

Weshalb macht ihr unter diesen prekären Umständen und schlechten Aussichten die Arbeit trotzdem?
Wir sind eine Umsonstzeitung, weil wir wollen, dass auch Leute, die es sich nicht leisten können, mit ökologischen Themen in Berührung kommen. Druckkosten, Versand … all das will natürlich finanziert werden. Das geht nur, wenn Leute abonnieren, Anzeigen schalten und spenden. Unseren Autor:innen können wir nichts bezahlen. Das ist nicht immer leicht zu kommunizieren. Viele Menschen, die vielleicht noch nie etwas geschrieben haben, denken häufig, dass wir doch wenigstens ein kleines Budget haben müssen. Und wir dann so: Nein, wir haben gar nix. Unser Projekt beruht auf freiwilliger Selbstausbeutung. Sonst würde es – seit 35 Jahren – nicht funktionieren. Immerhin haben wir dadurch einen Vorteil: Wir bleiben unabhängig.
Habt ihr überlegt, Der Rabe Ralf auf nur-digital umzustellen? Dann hättet ihr immerhin keine Druckkosten.
Das fragt man uns häufiger, es ist ja wirklich so, dass die Druck- und Versandkosten der größte Posten sind. Aber wir haben eben den Anspruch, dass der Rabe Ralf von Zufallsbekanntschaften lebt. Die Zeitung liegt zum Beispiel in (Öko-)Supermärkten und Ämtern aus. Der Gedanke dahinter ist, dass dann jemand, der oder die vielleicht gar kein Interesse an Öko-Themen hat, den Raben mitnimmt. Das ist natürlich eine romantische Vorstellung, und wir sind kontrazyklisch – immerhin hat sogar die taz gerade die Printzeitung eingestellt und erscheint nur noch am Wochenende gedruckt. Außerdem sehen wir, dass gerade viele Jüngere mit Print gar nichts mehr anfangen können.
Bis man vielleicht selbst mal etwas für Print geschrieben hat …
Genau. Persönlich mag ich Print viel lieber. Beim gedruckten Wort gibt man sich mehr Mühe, liest lieber einmal zu viel gegen als einmal zu wenig. Man hält etwas in der Hand und ist beim Lesen konzentrierter. Es hat fast einen Ewigkeitscharakter. Print ist auch offener, demokratischer. Schließlich gibt es auch Menschen, die kein Internet haben und von den Inhalten ausgeschlossen wären.





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Derzeit gibt es insgesamt weniger Aufmerksamkeit für ökologische Themen. Die meisten gesellschaftlich aktiven Leute sehen derzeit die größte Relevanz darin, sich für den Erhalt demokratischer Strukturen einzusetzen.
Das ist für uns kein Widerspruch. Im Gegenteil: Beim Raben haben wir Umweltschutz und Gesellschaftskritik immer zusammengedacht. Wir können es uns gesellschaftlich nicht leisten, ökologische Fragen zu ignorieren – die holen uns früher oder später sowieso ein. Deswegen braucht es immer wieder krächzende Raben, die daran erinnern, auch wenn andere das nicht mehr hören wollen.
Um 2018 herum gab es ein größeres gesellschaftliches Momentum, bei dem auch neue Gruppen für Klimafragen begeistert wurden. Das ist vorbei.
Die Zeigefinger-Öko-Perspektive hat damals nicht funktioniert. Wir betreiben Ökologie von unten, Ökopopulismus. Ich glaube, das ist das Einzige, was langfristig funktioniert. Nimm zum Beispiel die Landwirtschaft und die Proteste der letzten Jahre. In der Öko-Szene gibt es die Tendenz zu sagen, dass „die sowieso alle nur konventionell arbeiten, nur Geld verdienen wollen und die Umwelt ignorieren“. Mit den Menschen aus der Branche wird selten gesprochen, man kritisiert sie lieber. Aber das ist genau der falsche Ansatz.
Ich habe mich einmal mit den Selbstmordstatistiken von Landwirt:innen in Frankreich beschäftigt. Dort suizidiert sich alle zwei Tage ein:e Landwirt:in. Die Bauern sind in einem gnadenlosen Wachse-oder-Weiche-System gefangen. Sie stehen in Konkurrenz zueinander und müssen quasi froh sein, wenn der andere aufgibt, weil sie dann selbst an sein Land kommen. Gleichzeitig bekommen sie heftigen Druck aus der Gesellschaft – eben auch und gerade aus der Ökoszene. Die sagen dann: Das, was du machst, ist sowieso scheiße. Du bist ein:e Tierquäler:in ohne Zukunft. Wieso bist du nicht einfach vegan?
Es gibt aber ja auch die Wir-haben-es-satt-Demonstrationen, die genau diese Perspektive abbilden wollen.
Genau. Sie haben einen guten Ansatz, weil sie ja erst einmal sagen: Jeder Hof zählt – und es ist zunächst egal, ob konventionell oder ökologisch. Die Gefahr liegt in den Fronten, die zwischen Landwirtschaft und der Ökoszene gezogen werden.
Deswegen muss man als Ökomedium wie Der Rabe Ralf immer darauf achten, nicht die städtische Zeigefinger-Perspektive einzunehmen. Es ist eben nur eine bestimmte Schicht von Menschen, die sich Wärmepumpe, Elektroauto und vegane Ernährung leisten kann. Für diese Gruppe ist es leicht zu sagen: Wieso lebt ihr nicht wie wir? Es gibt hier oft eine gewisse Blindheit für gesellschaftliche Unterschiede.



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Diese Claims in Richtung „Klimaschutz-ist-nur-für-Privilegierte“ hört man ja aber auch immer von Rechts. Es ist eines der Felder, in denen Kritik sehr stark der rechten Ecke überlassen wurde.
Ja, es ist eines von vielen Themen, bei denen das der Fall ist. Es gibt gewisse Vokabeln, die früher eher als progressiv aufgefasst wurden und heute anders besetzt sind: „Alternative“ zum Beispiel. Deshalb begleitet uns die Frage nach der Selbstbezeichnung als „alternatives Medium“ auch häufig. Die Begriffe müssen wir uns wieder zurückerobern. Das schaffen wir nur, wenn wir die eigenen Positionen schärfen und hinterfragen. Wir müssen außerdem raus aus der eigenen Blase.
Ich würde sehr gern auch mal die CDU in die Verantwortung nehmen und fragen: Ihr habt das „christlich“ im Namen – was tut ihr eigentlich für die Bewahrung der „Schöpfung“? Ich habe jetzt schon 1.000 Mal gelesen, warum Marx eigentlich ein Öko war, und würde mich freuen, wenn auch mal jemand aus der konservativen Perspektive einen Text für uns schreiben würde. Vom Anarcho bis zum Konservativen, Ökologie funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Menschenfeinde ausgenommen.
Wie können denn alle bei euch mitmachen, wenn ihr ausschließlich ehrenamtlich arbeitet?
Das ist eine völlig berechtigte Frage. Wir können das nur mit unserem Gewissen vereinbaren, weil wir selbst (größtenteils) ehrenamtlich arbeiten und uns also auch selbst ausbeuten. Wenn der Rabe irgendeinen Gewinn abwerfen würde, würden wir unsere Autorinnen und Autoren natürlich mit Freude bezahlen. Wir werfen aber keinen Gewinn ab. Wir sind ein Medium, das nur dank Idealismus überlebt. Und wir wissen natürlich, dass viele Autor:innen prekär arbeiten und finden das nicht gut, aber das bisschen Geld, das wir durch Abos, Spenden und Anzeigen einnehmen, geht in die Produktion der nächsten Ausgabe.
Davon abgesehen finden wir es sogar wichtig, dass im Raben „umsonst“ gearbeitet wird und er damit quer zur herrschenden Ideologie steht, in der sich alles rechnen muss und jeder etwas haben will. Ohne Gratisarbeit, ohne Leute, die Dinge umsonst machen, ist die Gesellschaft aufgeschmissen. Der Rabe ist nur ein kleiner Teil davon. Es ist natürlich trotzdem ein Luxus, „umsonst“ arbeiten zu können.


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Habt ihr politische oder mediale Appelle?
Appelle an „die da oben“ mögen wir nicht so, denn als Graswurzelmedium hoffen wir, dass der Wandel selbst gemacht wird und von unten kommt. Wir rufen aber gerne dazu auf, bei uns mitzumachen. Die Zeiten sind dunkel, aber das beste Mittel gegen Ohnmachtsgefühle ist, mit anderen etwas Positives auf die Beine zu stellen, anstatt auf den Segen von oben zu warten. Das macht auch viel mehr Spaß. „Seid fröhlich, obwohl ihr alle Fakten kennt“, sagt der Ökobauer und Dichter Wendell Berry. Das bringt es sehr gut auf den Punkt.







