Der internationale Verbund verschiedener Hilfs- und Entwicklungsorganisationen Oxfam hat auch für 2026 einen Bericht zur sozialen Ungleichheit veröffentlicht. Darin – wenig überraschend – Zahlen dazu, wie sehr die globale Vermögenskluft weiter zunimmt. In eindrücklichen Zahlen heißt es dann: „Im Jahr 2025 ist das Vermögen von Milliardär*innen um 2,5 Billionen US-Dollar gewachsen – auf den Rekordwert von 18,3 Billionen US-Dollar“. Oder: „Dieser Anstieg in nur einem Jahr entspricht fast dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung, das sind mehr als vier Milliarden Menschen“. Und: „Seit 2020 ist das Vermögen von Milliardär*innen inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent gestiegen“. Das sind enorm hohe Zahlen, die eigentlich nicht verwundern sollten. Schließlich profitieren enorme Vermögen von Zinseszinseffekten, das nennt man auch exponentielles Wachstum. Erträge werden wieder und wieder reinvestiert. Darüber hinaus bleiben die Ergebnisse der Oxfam-Studie aufrüttelnd – und die medialen Einordnungen dazu mangelhaft. Eine Wunschliste, wie Themen und Berichte zur globalen und sozialen Ungleichheit rezipiert werden sollten.
Einordnungen und Kontexte der sozialen Ungleichheit
Die Tagesschau greift in den Sozialen Medien den Bericht zwar auf. Und während sie eine weitere catchy Zahl („In vier Sekunden verdient Elon Musk, der reichste Mann der Welt, so viel wie ein Mensch im weltweiten Durchschnitt in einem Jahr“) zitiert, widmet sich die letzte Slide der Kritik an der Methodik und der Studie selbst, statt dem Inhalt. Elon Musks vier-Sekunden-Verdienste werden nicht eingeordnet. Was heißt sein enorm schnell wachsendes und absurd riesiges Vermögen denn konkret? Weshalb wird nicht benannt, welche seiner Geschäftspraktiken dazu führen, dass er so viel Geld akkumulieren kann? Woher kommt das Geld – und wo fehlt es?
Kolonialismus und Kapitalismus
Auch fehlen in den meisten medialen Beiträgen über die Studie zur sozialen Ungleichheit die großen systemischen Bezüge. Das Fokussieren auf die Einzelpersonen wie Musk blendet die vier Milliarden Menschen aus – hauptsächlich im Globalen Süden – die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Dabei ist klar: Der moderne globale Reichtum entstand nicht gleichmäßig, sondern maßgeblich durch Kolonialismus und Ausbeutung, Rohstoffextraktion, Landenteignungen und Gewalt. Aus dieser Historie – und andauernden kolonialen Kontinuitäten – erwächst eine Verantwortung, der Milliardäre mehr als alle anderen nachkommen müssen. Dagegen lobbyiieren sie, weil sie multinationale Konzerne führen, die noch immer von diesen Praktiken profitieren. Wie sagt man so schön: „There are no ethical billionaires“. Die systemische Ebene auszublenden, ist verantwortungslos.
Aktuelle politische Kontexte
Multinationale Konzerne, deren CEOs zu den reichsten Menschen der Welt gehören, nehmen jährlich Millionen in die Hand, um auf Regierungen und politische Entscheidungen einzuwirken. Darüber schwächen sie progressive Bestrebungen, die Ungleichheit abbauen wollen. Aktuelles Stichwort: Das Lieferkettengesetz. Ausgehölt und in seiner Wirkung massiv eingeschränkt – auch durch den millionenschweren Lobbyismus von riesigen Konzernen. Milliardäre können durch ihr Reichtum demokratische Prozesse massiv schwächen und unsere Systeme aushöhlen. Vieles, was auf EU-Ebene politisch passiert, schafft es kaum in die medialen Schlagzeilen. Ganz im Gegensatz übrigens zu populistischen Vorschlägen wie von Friedrich Merz („Wir haben zu viele Krankantage im Land – muss das denn sein?“) – solcher „flood-the-zone-with-shit“-content ist allgegenwärtig. Dabei sind auch komplexe politische Vorgänge essenzielle Kontexte für Studien wie den Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit. Medien müssen diese Kontextualisierung liefern.
Lösungsvorschläge
Was der Berichterstattung außerdem fehlt, sind Lösungsvorschläge – die der Oxfam-Bericht übrigens (teilweise) sogar mitliefert. Es braucht dringend eine Milliardärs- und Vermögenssteuer und eine progressive Besteuerung. Auch ein globaler Mindeststeuersatz kann helfen. Er ist ein international abgestimmtes Instrument, mit dem Staaten verhindern könnten, dass multinationale Großkonzerne ihre Gewinne in Steuerparadiese verlagern und dort niedrige oder gar keine Steuern zahlen. Neben diesen wirtschaftlichen dringend gebotenen Änderungen, muss auch politischer Einfluss dringend begrenzt werden. Staaten müssen gleichberechtigte Teilhabe, nachhaltige Entwicklung und Bildung fördern. Gerechte internationale Zusammenarbeit – die eben die ärmsten vier Milliarden in den Blick nimmt – kann hier helfen. Dazu gehört auch, medial diese Perspektiven anzubieten und zu erzählen und nicht nur ein permanentes „Musk will dies, Musk fordert das“.
Mediale Verantwortung liegt in der Recherche und Einordnung – und nicht in dem schnellen Wiederkäuen der vier catchiesten Oxfam-Zahlen.


