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Landwirtschaft neu denken gegen den Klimawandel im Südsudan

Zwischen Okrapflanzen und Grünkohl steht Guwoly Stella Henry im Lehrgarten eines Dorfes in Warrap State, etwa zweieinhalb Stunden nordöstlich von Wau, der zweitgrößten Stadt im Südsudan. Seit knapp drei Jahren ist sie dort Nutrition Program Manager bei Aktion gegen den Hunger. Hier koordiniert sie als studierte Ernährungswissenschaftlerin Projekte zur Ernährungssicherheit. Und sie hat viel zu tun, denn im Südsudan herrscht seit Jahren eine akute Hungerkrise.

Das Erbe der Unabhängigkeit und des Bürgerkriegs

Auf die Unabhängigkeit des Südsudan vom Sudan im Jahre 2011 folgte ein von 2013 bis 2018 andauernder Bürgerkrieg. Begleitet wurde er von ethnischen Konflikten, kaum Wirtschaft, fehlender Trinkwasserversorgung und Hungersnot. Der Bürgerkrieg ist vorbei, die multiplen Krisen sind geblieben – und mit ihnen auch der Status eines failed state – eines Staates, der in sich selbst nicht funktionsfähig ist. Im Südsudan zeigt sich das daran, dass ungefähr 75 Prozent der elf bis zwölf Millionen Menschen im auch heute noch und in Zeiten des volatilen Friedens auf Humanitäre Hilfe von außen angewiesen sind.

Deshalb sind wir auch da: Die Kampagne In den Fokus von über 30 deutschen NGOs und gefördert vom Auswärtigen Amt möchte mediale Aufmerksamkeit auf die Krisen dieser Erde lenken. Im Südsudan ist das bitter nötig: Das International Rescue Committee hat den Südsudan Ende 2022 als eines der akutesten Krisengebiete der Welt für 2023 vorausgesagt. Während die vielen Hilfsorganisationen im Land versuchen, es weiter zu stabilisieren, erschweren bereits neue Herausforderungen diesen Prozess: Der Klimawandel ist da.

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Das Wetter im Südsudan ist unberechenbarer geworden

Für Warrap State ist es für Anfang Oktober, dem Ende der Regenzeit, sehr trocken. Die vergangenen drei Jahre waren hingegen von Fluten und Überschwemmungen im ganzen Land geprägt, die viele ihrer Nutzpflanzen zerstört haben. „Das Wetter ist komplett unvorhersehbar geworden“, sagt Stella. Obwohl Nahrungsmittelknappheit schon immer ein Problem war, konnten sich die Menschen früher wenigstens darauf verlassen, dass zyklisch Verbesserungen eintraten. Zwischen Mai und Oktober kamen mit der Regenzeit die fruchtbaren Monate des Jahres, die Trockenzeit zwischen November und April hingegen barg mit starker Sonne größere Herausforderungen. Stella bereiten die neuen Umstände große Sorge. Denn wenn sich die Trockenzeit ausdehnt oder noch heißer wird, oder Überschwemmungen in der Regenzeit weiter zunehmen, dann wird die ohnehin herausfordernde Situation für die Menschen katastrophal. Wieder einmal zeigt sich, dass der Klimawandel die bestehenden Krisen auf dieser Erde verschärft. Gleichzeitig trifft er jene am stärksten, die am wenigsten zu ihm beitragen.

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Neue Maßnahmen, neue Möglichkeiten

Stella und ihr Team arbeiten jeden Tag daran, Lösungen für die Menschen im Ort anzubieten. Dabei ist ihr Ansatz ein holistischer und integrativer, der bei Lebensmittelbildung zu resilientem Anbau beginnt und bis zu großen Wasserspeichersystemen führt. Im ersten Schritt erhalten die Menschen im Lehrgarten ein Training dazu, welches Gemüse sie unter welchen Bedingungen anbauen und zur Selbstversorgung nutzen können. Dabei arbeiten Stella und ihr Team mit unterschiedlichen Methoden. Diese helfen, die schwierigen Klimabedingungen auszugleichen und sich gegen mögliche extremere Wetterereignisse zu wappnen.

Zum einen spielt der Climate Smart Programming-Ansatz, also eine klimabewusste Programmierung, für sie eine große Rolle. Hierbei werden Arbeitsprozesse auf Grundlage von Klimainformationen, die über längere Zeiträume gesammelt werden, angepasst. Gleichzeitig bezieht der Ansatz die soziokulturellen Gegebenheiten mit ein. So können die Menschen bestmöglich vor einem erhöhten Risiko durch Klimaveränderungen geschützt werden. Allein im vergangenen Jahr hat Stellas Team deshalb 5000 Feigenbäume gepflanzt. Weil sie eine Nahrungsquelle für die Menschen bieten, das Klima regulieren und Schatten und Kühle spenden, passt diese Maßnahme gut zu den Bedürfnissen der Menschen im Ort.

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Gemüse für Regen- und Trockenzeiten

Auch lernen die Menschen im Ort bei Stella und ihrem Team, wann im Jahr welche Pflanze wo am besten wächst. So bauen sie unter anderem Reis in Regenzeiten an. Obwohl Reis mit Blick auf CO2-Bilanz und Wasserverbrauch großflächig nicht die nachhaltigste Pflanze ist, hat sie den Vorteil, es nicht nur sehr feucht zu mögen, sondern auch Überflutungen standzuhalten. So stellt sie eine gute Ergänzung zu Cassava (Maniok) dar. Denn auch Cassava gilt sowohl bei starkem Regen als auch bei mäßiger Trockenheit als widerstandsfähig. Deshalb kommt sie in Stellas Garten zum Einsatz.

Okrapflanzen und Amaranth pflanzen sie wegen ihrer Fähigkeit, ohne viel Wasser auszukommen, in den Monaten an, in denen es nicht regnet. Amaranth hat weitere Vorteile: Die Blätter dieses Pseudogetreides sind bereits nach wenigen Wochen bereit zur Ernte. „Pflanzen wie Amaranth sind short term varieties“, erklärt Stella, also schnellreifende Sorten. Diese sind aufgrund des schnellen Wachstums essenziell, um zur Ernährungssicherheit beizutragen. Außerdem gilt Amaranth als nährstoffreich und produziert viele Samen, die zur weiteren Aussaat verwendet werden können.

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Größer denken: Regenwasser, Wirtschaft und die Zukunft

Aber auch in den trockenen Monaten geht es natürlich nicht ohne Wasser. Deshalb hat das Team großflächig angefangen, Bassins in Straßennähe auszuheben. Regenwasser im größeren Stil zu sammeln, speichern und nutzen wird auch Water Harvesting genannt. Während der Zeit mit ausreichendem Niederschlag können die Menschen in den Gemeinden nah bei ihren Häusern in ihren eigenen Gärten arbeiten. Wenn es wiederum monatelang nicht regnet, ziehen sie mit ihrer Landwirtschaft direkt neben die ausgehobenen Becken. Dadurch können sie sich das gesamte Jahr über selbst versorgen. Auch vor Überschwemmungen, die die Straßen unpassierbar machen, können die Bassins schützen, indem das Wasser über Gräben in sie abläuft.

Das große Bassin, in dem sich während der Regenzeit das Wasser sammelt. Angrenzend ist ein großer Garten, den alle aus der Community nutzen können.

Anderswo im Südsudan sind die Probleme die gleichen

Auch andere NGOs im Südsudan haben Lehrgärten, die den Menschen eine Perspektive und Stabilität geben sollen und sie klimaresilienter machen sollen. In einem von ihnen arbeiten Loro und Asunta. Sie leben näher an der Stadt Wau im Südsudan als Stella von Aktion gegen den Hunger. Die Organisation CARE schult die Menschen hier. Obwohl der Rahmen ein anderer ist, sind die Probleme die gleichen. Denn auch dort haben sie bereits mit dem Klimawandel zu kämpfen, erklärt Loro. Die einfachste Lösung, die ganz akut hilft, ist das Bedecken der jungen Setzlinge mit Gras, damit die jungen Pflanzen in Trockenphasen vor der heißen Mittagssonne geschützt sind und nicht verbrennen. Auch bei starkem Regen hilft geschnittenes Gras, um die Felder zu befestigen.

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Asunta, die erst seit zwei Monaten im Garten arbeitet, erklärt einen weiteren Vorteil der Tätigkeit in der Landwirtschaft. Für sie, sagt sie, bietet er mehr Perspektive als beispielsweise Brot backen oder nähen, die im gleichen Trainingscenter von CARE gelehrt werden. Mit Erfahrung im Garten könne sie irgendwann vielleicht einen Bürojob bekommen, erklärt Asunta. Da ist sie wieder, die Perspektive.

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Maßnahmen wie das akute Bedecken der Felder mit Gras und Lösungen wie Climate Smart Programming, schnellreifende Sorten und Wasserspeichersysteme sind gute Wege, um den Menschen akut und humanitär, aber auch ein wenig mittelfristiger zu helfen. Und Stella beobachtet, dass sie in ihren Gärten bereits Wirkung zeigen. Aber in einem der ärmsten Länder der Welt reicht das nicht, um langfristig und großflächig für Ernährungssicherheit zu sorgen, wenn die Klimakrise bereits mit der Tür ins Haus fällt. Das weiß auch Stella. In jedem Satz, den sie sagt, merkt man ihr an, dass sie größere Pläne für die Landwirtschaft vor Ort hat. Sie spricht von Upscaling, von Autonomie, vom Aufbau der lokalen Wirtschaft. „Es besteht ein Bedarf an kommerziellen Formen der Landwirtschaft. Nothilfe in kleinem Maßstab ist wichtig, aber nicht nachhaltig genug“, erklärt sie.

Dass das in einem politischen, klimatischen und wirtschaftlichen Kontext wie dem Südsudan schwierig ist, sieht Stella auch. Aber das Land habe einen fruchtbaren Boden und eine motivierte Jugend, sie müsse nur mit einbezogen werden. „Der Südsudan hat keine Lust mehr auf Unterernährung und Hunger. Der Südsudan möchte nachhaltig und resilient sein“, sagt sie und lächelt.

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Transparenzhinweis: Die Reise, deren Kosten übernommen wurden, erfolgte im Rahmen der „In den Fokus“-Kampagne, initiiert von einem Zusammenschluss deutscher NGOs, gefördert durch das Auswärtige Amt. Der Artikel erschien in kürzerer Form und leicht abgeändert zuvor auf Klimareporter.de.

Mehr zu Landwirtschaft in Kontexten, in dem bereits Auswirkungen der Klimakrise zu spüren sind, gibt es zum Beispiel hier.

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